Teil 1: Europa (Hannover-Istanbul)


Tag 1 (--> Magdeburg, 159km)
Das Spannendste an diesem Tag war die Abfahrt. Es war für mich wirklich ein verdammt komisches Gefühl, mit dem Fahrrad aus meinem Heimatdorf heraus zu fahren und dabei zu wissen, dass ich voraussichtlich länger als ein halbes Jahr meine Freunde und meine Familie nicht wiedersehen würde. Außerdem überwältigte mich jetzt wie eigentlich auch während der gesamten Vorbereitungszeit und der ersten Wochen der Tour der Gedanke an das bevorstehende Projekt, so richtig an sein Gelingen konnte ich noch nicht glauben. Mit einem 7-Gang-Damenrad nach Nepal? Was hatte ich mir da bloß vorgenommen? Andererseits war ich natürlich auch euphorisch und fühlte mich ungemein cool, jetzt, da ich nach der stressigen Vorbereitung endlich auf dem Rad saß und auf dem Weg nach Nepal war...

Wir sind dann erstmal ein paar Stunden den Mittellandkanal entlang gezuckelt, was sehr langweilig war. In Braunschweig haben wir durch unser Gewicht eine Bank zerstört, so dass Klöppi und ich nach hinten heruntergefallen sind. Von Braunschweig dann sind wir ca. 80 km durch eine sehr hügelige Landschaft gefahren, was Till sehr zu schaffen machte, weil er noch die letzten Tage mit diversen Prüfungen und Parties zu verarbeiten hatte. Gepennt haben wir in der Jugendherberge in Magdeburg.


Tag 2 (--> Dommitzsch, 145km)
Morgens hat sich Till im Fahrstuhl in der Jugendherberge etwa 10 Sekunden lang auf den Alarmknopf gesetzt. Keiner hat uns gerettet. Mittags haben wir uns in einem riesigen Wald total verfranst. Vollkommen verhungert und verschwitzt haben wir uns am Ende des Waldes erstmal in die Elbe gestürzt und danach ausgiebig Pause gemacht. Später haben wir uns nochmal in Dessau verfahren (Ich sag wo's langgeht ...). Insgesamt ein durchwachsener Tag also.

Wir wollten unbedingt an der Elbe übernachten, und nachdem wir diese zwischendurch verlassen hatten sind wir erst kurz nach zehn Uhr wieder auf sie getroffen. War dementsprechend ein sehr harter Tag. Geschlafen haben wir zwischen drei Bäumen in unseren Hängematten. Till allerdings hat nach ca. 30 Minuten dem Boden den Vorzug gegeben, sein langer Körper war einfach nicht für die Hängematte konzipiert. Ich fand, dass es eine sehr schöne Nacht war, romantisch und superbequem.


Tag 3 (--> Dresden, 123km)
Ich weiß nicht mehr genau, ob es der schöne Sonnenaufgang im Nebel oder doch die Wadenkrämpfe in beiden Beinen waren, die mich um halb sechs schon wieder geweckt haben. Zitat von Stefan: "So ein leichter Muskelkater ist schon ein bisschen geil". War trotzdem ein wunderschöner Morgen an der Elbe. Es folgte der heißeste Tag in Sachsen seit fünf Jahren, wenn man den Gerüchten, die wir unterwegs so vernahmen, Glauben schenken darf. Wir taten dies, denn an diesem Tag wurden wir echt so richtig gebraten, das Thermometer zeigte bis zu 39°C.

Zum Glück folgten wir dem Elbradweg, so dass wir immer wieder die Gelegenheit hatten, in der Elbe zu baden oder uns einfach nur Wasser über den Kopf zu kippen. Es war ein echter Härtetest für die Türkei und den Iran, wo die größte Hitze während der Tour zu erwarten war. Die Route war allerdings besonders auf den letzten 50 km bis Dresden wirklich wunderschön, so dass wir reichlich entschädigt wurden. Stefan hatte die erste Panne, die so ziemlich wichtigste Schraube seines Gepäckträgers ist verloren gegangen, zum Glück hatte Till Ersatz. Gepennt haben wir in der überteuerten Jugendherberge in Dresden.




Tag 4 (--> Usti nad Labem, 92km)
Dies war der erste Tag voller Pleiten, Pech und Pannen. Zunächst vergriesgnaddelten (die Bedeutung dieses Wortes wird aus dem Kontext klar...) wir den Schlüssel von Stefans Bügelschloss, zum Glück war da in der Jugendherberge ein netter Hausmeister, der gleich die Flex holte und Frederike, Scotty und Harry, also unsere Räder, befreite. Wir schauten uns noch eine Weile das sehr schöne Dresden an und so kamen wir erst gegen Mittag aus der Stadt. Zunächst durchfuhren wir das wunderschöne Elbtal, hier hatte ich dann den ersten Platten der Tour. Halb so wild das Ganze.

Wir fuhren dann über die Grenze nach Tschechien, wo wir erst mal einen schlechten Eindruck von dem Land bekamen: Hunderte Straßenhändler, Dutzende Prostituierte und unzählige Puffs, oder Püffe, wie ihr wollt. War irgendwie nicht so erbaulich, aber unser erster Eindruck entsprach wie sich schnell zeigen sollte nicht der Realität, wir sollten uns in Tschechien noch ausgesprochen wohl fühlen. Kurz vorm Tagesziel nahm Till dann noch einen riesigen Nagel mit, der ihm den Schlauch völlig zerbohrte. Da musste schon der erste Ersatzschlauch her. Wir übernachteten in einer Jugendherberge, wo wir abends ein ausgesprochen gutes, üppiges und günstiges Essen bekamen.


Tag 5 (--> Prag, 114km), Ruhetag in Prag
An diesem Tag hatte ich gleich nach dem übrigens sehr leckeren Frühstück den zweiten Platten, welcher uns keine großen Probleme bereitete. Es wurde sehr heiß, und weil wir auch schon die ersten hinterhältigen Hügel (bis 450 Meter hoch) bewältigen mussten war der Tag sehr anstrengend. Till hatte dann auch gleich noch seinen zweiten Platten und musste wieder den Schlauch wechseln, weil das Loch nicht ausfindig zu machen war.

Wir fuhren erst gegen 21 Uhr in die Prager Innenstadt ein, hatten uns schlauerweise aber noch nicht überlegt, wo wir schlafen sollten. In der Stadt war uns alles zu teuer und als plötzlich ein Gewitter aufzog sahen wir schon eine sehr ungemütliche Nacht auf uns zukommen. Wir folgten den Tipps eines überaus amüsanten Taxifahrers ("Wow, with the bike from Germany, tough guys, really really tough guys, unbelievable!" Und der hat nicht mal mitbekommen, was das Ziel unserer Reise ist...) und fuhren in die Richtung eines Campingplatzes außerhalb der Stadt. Doch dann fing es richtig heftig an zu pladdern. Schöne Sch...

Als wir uns so zum Platz durchfragten trafen wir auf einen Tschechen, Pavel, der uns ganz spontan zu sich nach Hause einlud. Da konnten wir angesichts der widrigen Umstände nicht nein sagen und folgten ihm zu seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Welch ein Riesenglück für uns, in dieser Situation einen so liebenswürdigen Menschen zu treffen. Ihr müsst euch das mal vorstellen: Pavel lud uns ein, ohne das seine Frau Janna und seine Kinder Pavela und Janna, welche erst später nach Hause kommen sollten, auch nur die geringste Ahnung hatten. Als diese dann schließlich nach Hause kamen trafen sie völlig unvorbereitet gleich im Flur ihrer Wohnung auf einen riesigen Berg nassen Gepäcks und kurz darauf begegneten sie drei riesigen, stinkenden Deutschen in Unterhosen im Kinderzimmer, in welchem wir nächtigen durften. Das haben wir irgendwie verpeilt, aber Pavel hat uns auch gar nicht vorbereitet auf die Ankunft seiner Familie...

Dann haben wir noch mit der Familie zu Abend gegessen, was wirklich ausgesprochen nett war. Pavels Frau fand sich nach dem ersten Schock ziemlich schnell mit uns ab und umsorgte uns dann wie eine besorgte Mutter. Und die Kinder hatten auch ihren Spaß. Wahnsinn, diese Familie, wir waren total sprachlos aufgrund dieser Gastfreundschaft.

In Prag legten wir einen Ruhetag ein. Nach der herzlichen Verabschiedung von Pavels Familie suchten wir morgens den Campingplatz auf und wuschen dort erst einmal unsere Wäsche. Ein sehr schönes Gefühl, saubere Wäsche zu haben. Dann fuhren wir wieder in die Stadt und betrieben ein wenig Alibi-Sightseeing. Das soll nicht heißen die Stadt hätte uns nicht gefallen, ganz im Gegenteil, aber wir waren einfach zu kaputt um viel zu erkunden.

Irgendwann setzten wir uns in ein Restaurant und aßen jeder zwei Hauptgerichte und dazu noch einen Salat, so einen maßlosen Hunger hatten wir noch selten zuvor gehabt. Dabei schauten wir uns das WM-Viertelfinalspiel Deutschland-USA im TV an. Als wir abends wieder auf dem Campingplatz waren fing es an zu schütten und Stefans frisch gewaschene und getrocknete Klamotten wurden nass, was ihn natürlich sehr frustrierte.


Tag 7 (--> Tabor, 103km), Ruhetag in Tabor
Wir verließen Prag an der Moldau entlang fahrend und trafen bald darauf auf die ersten ordentlichen Berge von bis zu 700 Metern Höhe. Wir wurden für unsere Mühen jedoch immer wieder mit tollen Aussichten und super Abfahrten reichlich belohnt und so war das Ganze halb so wild.

In der Dämmerung passierte Till leider ein zugegeben ziemlich dämliches Malheur: In einem leichten Gefälle bei knappen 40km/h war er unkonzentriert und kam von dem Asphalt ab. Leider war gerade an der Stelle der Randstreifen in einem sehr schlechten, unbefestigten Zustand und so stürzte Till recht schwer und purzelte einige Meter einen kleinen Abhang hinunter. Fuck off... Nach dem ersten Schock untersuchten wir langsam die Schäden an Till und seinem Fahrrad. Till hatte starke Schmerzen an der Hüfte und am Handgelenk. Was genau er sich getan hatte wissen wir bis heute nicht, weil er nicht zum Arzt gehen wollte. Das Rad war völlig unbeschädigt geblieben. Wir waren erstmal alle ziemlich mit den Nerven am Ende, schließlich war zunächst unklar ob Till überhaupt würde weiterfahren können. Irgendwie schleppten wir uns noch zu einem nahegelegenen Campingplatz wo wir eine günstige Hütte mieteten.


Wir legten gezwungenermaßen einen Tag Pause in Tabor ein, denn Till sah sich am nächsten Morgen nicht im Stande auf sein Rad zu steigen. Es war drückend heiß und unsere Stimmung war auch ziemlich gedrückt, es sah nicht unbedingt so aus als könnte Till überhaupt weiterfahren.


Tag 9 (--> Suchdol, 78km)
Nach dem Pausentag ging es Tills geschundenen Knochen etwas besser und wir beschlossen weiterzufahren, wenn auch klar war, dass wir zunächst nicht mehr solche lange Etappen wie zu Beginn der Tour würden fahren können. Wir fuhren dann im Nieselregen erstmal durch einige sehr hübsche kleine tschechische Ortschaften. In einem Spielzeugladen kauften wir uns als Maskottchen ein ziemlich hässliches Stofftier, welchem wir den Namen Piotr gaben.


Etwas später bemerkte Till, dass sein Reifen gegen den Rahmen kam. Weil er eine Acht vermutete nahm er erst mal das Gepäck herunter. Dann ein Aufschrei: Sein Rahmen war gebrochen, direkt vor der Hinterradnabe!! Wir waren richtig verzweifelt, erstmal aufgrund des abermaligen Pechs und dann wussten wir vor allem auch wirklich nicht was wir nun machen sollten. Doch dann geschahen Dinge, die uns extrem unwirklich vorkamen: Erstmal bemerkten wir, und man beachte jetzt den unglaublichen Zufall, dass wir direkt unter einem Schild mit der Aufschrift "Auto Servis 20m" standen! Da mussten wir natürlich mal fragen, ob die uns nicht vielleicht helfen konnten. Und wirklich, da war ein bäriger, öliger, tschechischer Automechaniker, der schaute sich das Ganze kurz an, holte sein Werkzeug und schweißte den Rahmen perfekt zusammen. Der Mechaniker war eine urige Gestalt und sprach in der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort. Till bezahlte knapp 4 Euro und wir fuhren weiter, der Rahmen sollte noch weit über 10.000km halten.


Wir konnten das Ganze gar nicht glauben, wie viel Pech und vor allem, wie viel extremes Glück kann man eigentlich in so kurzer Zeit haben? Wahnsinn... Abends fanden wir eine urgemütliche Pension, wo wir die ganze Aufregung erstmal in einem Liter Rotwein pro Person ertränten. Unsere Laune war inzwischen wieder hervorragend.


Tag 10 (--> Krems, 114km)
Die darauffolgende Etappe war die bis dato schönste der Tour. Wir fuhren erst im Dunst durch eine wunderschöne Wald- und Seenlandschaft.

Dann kam die Grenze nach Österreich auf ca. 600 Metern Höhe, genau zu diesem Zeitpunkt riss die Wolkendecke auf und es wurde angenehm warm. Der österreichische Grenzbeamte warf einen kurzen Blick in unsere Pässe, rief: "Ah, von der niedersächsschen Landshauptstadt kommts her, na dann fahrts man duärch", und schon waren wir in Österreich. Wir waren total selig und so konnten uns auch die vielen folgenden Berge, die uns auf bis zu 830 Meter Höhe führten, nichts anhaben. In Zwettl machten wir Pause auf dem Hundertwassermarktplatz, auf einmal stellte sich ein etwa zehnjähriger Junge vor uns hin, schaute uns lange mit einem prüfenden Blick an und sagte: "Zu viel Haschisch ist meine Meinung". Dann rannte er davon und wir kringelten uns am Boden vor Lachen.

Abends überraschte uns dann noch eine 15 Kilometer lange Abfahrt durch das wunderschöne Krems-Tal, wahrlich ein Traum!! Wir übernachteten in einer Jugendherberge in Krems.


Tag 11 (--> Wien, 83km)
Am nächsten Morgen die böse Überraschung: Das Frühstück in Österreichs Jugendherbergen ist rationiert, zwei Brötchen pro Person. Ein sehr harter Schlag für uns! Zum Glück erfuhren wir von der Rationierung erst nachdem wir schon knapp 20 von den kleinen Semmeln vertilgt hatten, größtenteils vom Nachbartisch, was später dann ziemlichen Ärger gab... Also schnell weg und rauf auf den Donauradweg, welcher hier eigentlich sehr langweilig war.

Später kamen wir nach Wien, sicherlich eine tolle Stadt, welche uns in der kurzen Zeit aber eher nicht so gut gefiel. Irgendwie war es uns alles zu protzig und teuer. Direkt neben unserer unfreundlichen Herberge verlief eine Schnellstrasse, die Nacht war dementsprechend unangenehm. Wien hat uns einfach auf dem falschen Fuß erwischt...



Tag 12 (--> Samorin, 121km)
Morgens wieder Rationen zum Frühstück, zum Glück waren ganz viele kleine Kinder in der Herberge, die nur eines oder gar kein Brötchen essen wollten. Wir überredeten einige von ihnen, trotzdem zwei zu nehmen, und uns dann was abzugeben. So wurden wir dann doch noch satt. Vor der Abfahrt beschwerte ich mich bei der Rezeption über den schlechten Service, den viel zu hohen Preis, die unfreundliche Bedienung und die unverschämte, diskriminierende Brötchen-Rationierung. Daraufhin erlitt der Mann einen cholerischen Anfall und schrie mich vor der prall gefüllten Eingangshalle an. Damit hatte ich so zwar nicht gerechnet, war aber eigentlich ganz zufrieden mit dem Ergebnis meiner Reklamation.

Wir besuchten dann noch das wirklich tolle Hundertwasserhaus, schrieben im Wiener Prater ein paar Postkarten und verließen dann Wien entlang der Donau, wo uns gemeinerweise ein unschöner, mehrere Kilometer langer FKK-Strand auflauerte. Das war nicht so angenehm... Später hatte ich mal wieder einen Platten und da das Loch unauffindbar war musste ein Ersatzschlauch her. Dann fuhren wir in die Slowakei hinein, durch Bratislava hindurch und hielten nach einem Schlafplatz Ausschau. Wir wollten mal wieder unter freiem Himmel übernachten.

Irgendwann tauchte vor uns etwas auf das nach riesigen Rauchschwaden aussah, doch als wir näeherkamen stellte es sich als Heuschreckenschwärme heraus! Das war richtig hitchcockmäßig als wir da hindurchfuhren: Andauernd bekam man die Biester in die Augen, in die Nase und in die Ohren, der ganze Körper juckte weil Dutzende von den Viechern darauf herumkrabbelten. Nach ein paar Kilometern gaben wir enttnervt auf, schlugen unser Zelt neben der Donau auf und schliefen erschöpft ein.

Tag 13 (--> Tat, 139km)

Am nächsten Morgen krochen wir um 5 Uhr in der Früh, also pünktlich zum Sonnenaufgang, aus unserem Zelt und frühstückten erstmal ausgiebig. Als wir dann aufbrechen wollten und zurück zum Donauradweg schoben entdeckten wir ein Pärchen beim Stelldichein auf der Motorhaube. Puuh, peinlich, zum Glück hatten sie uns nicht bemerkt. Eine halbe Stunde später war die Luft rein und wir konnten aufbrechen. Zunächst fuhren wir dann 80 Kilometer fast ohne Pause durch, immer bei leichtem Nieselregen. Dabei kamen wir durch sehr hübsche slowakische Ortschaften in denen uns beinahe alle freudig zuwanken. Sehr nette Leute, die Slowaken.


Schließlich fuhren wir über die Donau und damit auch über die Grenze nach Ungarn. Dort gingen wir direkt in ein Thermalbad, an dessen Eingangstür ein Schild mit folgender Aufschrift hing: "Therme mit Heilwasser, das den Organismus verändert". Das konnten wir uns ja nicht entgehen lassen, und wirklich, wir fühlten uns danach total verändert, das Wasser hauchte uns nämlich wieder neues Leben ein. Danach gönnten wir uns jeder noch eine riesige Chili-Pizza und fuhren dann weiter die Donau entlang bis wir abends ein Gästezimmer bei einer sehr netten ungarischen Familie auffanden.


Tag 14 (--> Budapest, 84km), Ruhetag in Budapest
Die Fahrt nach Budapest war eine besonders schöne Etappe. Zunächst fuhren wir in das fantastische Esztergom, wo wir die Kathedrale besichtigten. An diesem Tag kam der ungarische Ministerpräsident zu einem Besuch in die Stadt und der Rummel war entsprechend riesig. Wir bekamen sogar noch die Einfahrt von der gewaltigen Staatswagenkolonne mit, dann suchten wir schnell das Weite. Anschließend fuhren wir zwischen beeindruckenden Felsen das Donauknie entlang, eine tolle Gegend.

In Szetendre waren wir dann noch beim Chinesen, kurz darauf waren wir auch schon in Budapest. Wir suchten eine Herberge auf und zogen danach noch mal im Zentrum um die Blöcke und ließen uns treiben. Die Stadt gefiel uns auf Anhieb sehr.

In Budapest legten wir einen Pausentag ein, ich verbrachte viel Zeit im Internetcafe, vorm Fernseher (in der Tat schliefen wir alle drei beim WM-Finale Deutschland-Brasilien ein...) und mit Erledigungen in einem riesigen Einkaufszentrum. Eigentlich schade, dass am Ende so wenig Zeit zur Besichtigung der tollen Stadt Budapest blieb.



Tag 16 (--> Szolnok, 113km)
Auf einer großen und unangenehmen Straße kämpften wir uns aus Budapest. Sozusagen am Ende der Stadt wartete die Puszta auf uns. Viele Sonnenblumenfelder schmückten die Gegend und zunächst fanden wir die Landschaft sehr hübsch anzusehen. Von nun an war leider mehrere Tage lang der Wind unser großer Feind. An diesem Tag sollten wir nur einen Schnitt von etwa 15 km/h erreichen, ohne belgischen Kreisel hätten wir wohl entnervt aufgegeben.

Mittags wollte ein kleiner Junge Piotr kidnappen als dieser sich während unserer Pause mitten auf der Straße sonnte. Wir konnten den Versuch aber gerade noch vereiteln. Nachmittags hatte ich einen Platten und wir stellten fest, dass mein Mantel ganz schön hinüber und ein einer Stelle durchgescheuert war. Till behob das Problem indem er ein Stück Schlauch drüberklebte. Abends suchten wir ein billiges Motel auf.


Tag 17 (--> Oroshaza, 112km)

An Stefans Geburtstag weckten wir ihn um 6 Uhr morgens mit einem Ständchen, ich bin mir nicht ganz sicher ob er sich auch wirklich gefreut hat... Beim Frühstück hatte ich einen kleinen Disput mit der Kaffeemaschine bei dem die Tischdecke als großer Verlierer hervorging. War aber auch ein komisches System. Die Puszta erschien uns nun langsam als ziemlich öde, da war einfach nichts außer Sonnenblumenfeldern. Der stürmische Gegenwind verhagelte uns zudem die Lust am Radeln gründlich.

In Oroshaza fanden wir einen richtig klasse Campingplatz auf dem wir für 3 Euro übernachten und auch das anliegende Thermalbad nutzen konnten. Das taten wir dann natürlich auch sofort ausgiebig. Wir mussten mal wieder ein Kidnappingversuch an Piotr vereiteln, diesmal wollte der Bademeister ihn schnappen als er uns vom Startblock aus beim Planschen zuschaute. Wir hatten sehr nette Nachbarn, zwei Ehepaare aus Ostfriesland, welche sich liebevoll um uns kümmerten. Sie brachten uns Kaffee und Rotwein, kochten Nudeln für uns und hingen unsere Wäsche auf. Wirklich liebe und auch unterhaltsame Menschen. Wir feierten noch ein wenig den Geburtstag und schlummerten dann in unseren Hängematten ein...


Tag 18 (--> Lipova, 107km)
Wieder bei heftigem Gegenwind fuhren wir vormittags bis zur rumänischen Grenze. Dort dauerte es mehr als eine Stunde bis wir endlich in das viel Abenteuer versprechende Land hinein durften. Als wir uns gleich im ersten Ort zur Mittagspause nieder ließen, da brachte uns eine Rumänin einen Tisch und frische Tomaten aus ihrem Garten. Wir waren baff, Rumänien gefiel uns sofort.

Nach dem Essen dösten wir eine ganze Weile und fuhren dann nach kurzer Weiterfahrt in Arad ein, einer unglaublichen hässlichen Stadt. Hier wurden wir gleich von bettelnden Kindern umlagert, die uns einfach schweigend beim Essen zusahen und dabei verdammt hartnäckig böse guckten.

Fluchtartig verließen wir die Stadt und passierten kurz darauf mehrere Ortschaften in denen wir uns plötzlich in einer anderen Zeit wähnten: Keine Autos weit und breit sondern nur Pferdekutschen, dazu wurde die Strasse von allen möglichen Tieren bevölkert: Pferde, Kühe, Schweine, Gänse, Hühner, Hunde, Katzen, Truthähne, dazu noch Storchennester in jedem Dorf. Es war einfach ein Traum hier zu radeln. Die vielen gelangweilt vor ihren Häusern sitzenden Leute staunten uns mit großen Augen hinterher, grüßten freundlich und johlten uns hinterher. Einfach toll, wir fühlten uns furchtbar wohl hier und unsere Laune stieg ins Unermessliche.

Wir übernachteten in unseren Hängematten, die wir an Zwetschgenbäume hingen, welche umringt von Sonnenblumenfeldern waren. Ein sehr romantischer Schlafplatz der uns zunächst auch einen seligen Schlaf bescherte. Doch mitten in der Nacht weckte uns ein Traktor dessen Insassen dann Bienenkörbe abluden und nicht, wie Till zunächst vermutet hatte, Kalaschnikows verbuddelten...



Tag 19 (--> Pojoga, 75km)

Der Tag fing so an wie der letzte geendet hatte: Mit idyllischen transsylvanischen Dörfern in einer sanft hügeligen Landschaft. Es war nun extrem heiß und so machten wir mittags wieder ein kleines Nickerchen um der größten Hitze zu entgehen. Ich konnte nicht wirklich schlafen und spielte stattdessen mit einem neugierigen kleinen rumänischen Jungen ein Stündchen Fußball, was er dann sogleich mit stolzgeschwellter Brust seiner Mutter berichtete. Das war sehr nett.

Abends kamen wir in einen Schauer und flüchteten in eine Dorfkneipe in der einige Rumänen am Saufen waren. Und zwar richtig am Saufen, die allgemeine Laune war bereits sehr alkoholgeschwängert. Wir wollten eigentlich nur ein Bierchen mittrinken, doch daraus wurde leider nix: Wir bekamen eine Runde nach der nächsten ausgegeben, so dass jeder von uns in Windeseile zwei Liter Bier getrunken hatte. Puh, das hat reingehauen nach diesem schwülen Tag. Erst wollten wir dann die Einladung eines Saufkumpanen zu sich nach Hause annehmen, doch wir wurden irgendwie misstrauisch und verließen, das fünfte Bier unangerührt stehen lassend, fluchtartig die Kneipe und den Ort.

Kurz darauf hielt ein Auto neben uns und die Insassen, zwei jugendliche Rumänen, luden uns ein ihnen zu folgen und ein wenig zu plaudern, während sie Bienenkörbe abladen wollten. Wir folgten den Imkern, bekamen Honig und Pflaumenschnaps geschenkt und unterhielten uns wirklich sehr nett mit ihnen. Die Jungs waren ziemlich locker drauf und wir hatten eine gute Zeit. Leider fing es dann an zu gewittern, so dass wir in Windeseile an Ort und Stelle unser Zelt aufschlugen. Dann schlummerten wir betrunken und voller spannender neuer Eindrücke ein...



Tag 20 (--> Geoagiu, 101km)
Morgens stellten wir erfreut fest, dass unser Schlafplatz nur knappe hundert Meter von einem Fluss entfernt lag, welcher nun wunderschön im Morgennebel mäanderte. Stefan und ich ergriffen die Gelegenheit und wuschen uns und einige unserer Klamotten.

Später in Deva bemerkte Till, dass Stefans Rad eine gebrochene Speiche hatte. Schnell fanden wir jemanden der helfen konnte. Till fuhr mit dem Rumänen einmal quer im Dacia durch die Stadt und trieb passende Ersatzspeichen auf. Ein anderer Rumäne, der wirklich was von Fahrrädern verstand, reparierte das Ganze und schon ging's weiter. Die Rumänen sind wirklich extrem hilfsbereit, eine wahre Freude für uns.

Abends hatte Till einen Platten. Er flickte ihn, doch als wir weiterfuhren war der Reifen gleich wieder platt. Er flickte ihn abermals, aber wieder hielt das Ganze nicht lange, es war zum Haare raufen. Frustriert suchten wir nach einem Schlafplatz und fanden ein paar Bäume am Fluss, wo dann wieder unsere Hängematten zum Einsatz kamen.



Tag 21 (--> Tau, 88km)
Die morgendliche Fahrt nach Sebes war vor allem reich an Schlaglöchern, mit knappen 12 km/h im Schnitt hoppelten wir dahin. Sebes war aus unserer Sicht eine schreckliche Stadt. Im Wesentlichen bekamen wir durch diverse schräge Wortwechsel den Eindruck, dass wir nur von Halunken umgeben waren. Und eine aufdringliche Bettlerin mit einem Baby auf dem Arm redete solange auf Till ein bis dieser ihr enttnervt Piotr schenkte, woraufhin sie zurfrieden von uns abließ. Ein harter Schlag für uns, unser Maskottchen war weg!! Entnervt verließen wir fluchtartig die Stadt.

Doch dann fingen die Karpaten an und unsere Laune besserte sich schlagartig. Die Landschaft wurde immer schöner und die Steigung hielt sich auch noch in erträglichen Grenzen, weil wir immer an einem Fluss entlang fuhren. Wir fuhren knappe 45 Kilometer bergauf und fanden dann einen perfekten Schlafplatz in einer Felsnische, umringt von meterhohen Felswänden, nicht mal zehn Meter neben dem Fluss. Das war einfach nur wunderbar, wir wuschen uns dann noch in dem eiskalten Wasser und schlummerten bald ein, ich in meiner Hängematte. Leider fing es bald an zu regnen, so dass ich zu den anderen Beiden ins Zelt flüchtete.


Tag 22 (--> Urdele Pass, 66km)
Nun ging es zunächst nur bergauf, vorbei an riesigen Stauseen und bis auf eine Höhe von knapp 1700 Metern. Dann kam eine tolle Abfahrt, welche uns wieder herunter auf 1200 Meter führte. Anschließend kehrten wir in einem Restaurant ein. Till wollte eigentlich eine Speisekarte klarmachen, doch da es keine gab und uns keiner verstand bestellte er einfach mal drei Menüs. Was folgte war der widerlichste Fraß unseres Lebens: Zunächst gab es eine versalzene Fischsuppe mit Milch, dann kamen drei fettige Bratwürste ohne jegliche Beilage und dann, als krönenden Abschluss, das Dessert, bestehend aus 2 Spiegeleiern, Griesbrei, Schafskäse, Butter und oben drüber saure Sahne. Die Rumänen und ihre Esskultur, einfach nur ...

Als wir dann mit irritierten Mägen weiterfuhren schlugen wir dummerweise den falschen Weg ein und fuhren fast 10 Kilometer weit in die falsche Richtung, dabei 300 Meter hoch und wieder 300 Meter herunter. Da haben wir uns aber gefreut als wir merkten, dass wir denselben Weg zurück mussten. Vor allem war es mir unangenehm, zeichnete ich mich doch schließlich stets für die Navigation verantwortlich.

Stefan hatte dann noch einen Platten und bei der Zwangspause wurden wir von hunderten von Mücken umlagert, um unsere Motivation war es nun wirklich nicht mehr gut bestellt. Doch als wir uns dann so langsam nach oben kämpften ging es uns wieder besser und als wir über der Baumgrenze waren und um uns herum sich fantastische Ausblicke auftaten, da gab es kein Halten mehr und wir stürmten förmlich hoch zum Pass. Dabei mussten wir allerdings viel schieben, der Schotterweg war übersät mit dicken Steinen und zudem sehr steil.


Euphorisch schlugen wir am höchsten Punkt unser Zelt auf. Die Aussicht war traumhaft, der absolute Wahnsinn. Um uns herum waren noch einige Pferde und eine Schafherde, sonst war alles still. Und bitterkalt. Als wir uns schlafen legten zog ein Gewitter auf, und da es wenig später mächtig krachte waren wir froh, am nächsten Morgen noch am Leben zu sein ...




Tag 23 (--> Horezu, 81km)

Früh am nächsten Morgen bot sich uns ein traumhaftes Bild mit dichten Wolkenbänken, die tief unter uns in den Tälern hingen. Nach dem Frühstück folgte die heftige Abfahrt, fast 30 Kilometer auf einem grottenschlechten Weg, der für unsere Fahrräder sehr schmerzhaft war und in der Tat einige kleinere Reparaturen nach sich zog. Als wir unten angekommen in Novaci essen gingen wurden wir tatsächlich etwas wehmütig, da wir mit den Karpaten nun den absoluten Höhepunkt der Fahrt bis Istanbul hinter uns liegen hatten. Vor uns lag die Aussicht auf die heiße Walachei und das angeblich so gefährliche Bulgarien, was uns beides nicht gerade frohlocken ließ.

Später in Horezu nahmen wir uns eine winzige Hütte auf einem Campingplatz, auf welchem wir drei nette Schweizer kennen lernten, die gerade mit einem Dacia durch Rumänien reisten und dabei einen Dokumentarfilm drehten. Sie machten mit mir gleich noch ein Interview über unsere Tour, das war ein Heidenspaß.


Tag 24 (--> Slatina, 118km)
Ein furchtbar eintöniger Tag folgte, wir fuhren eben mitten durch die Walachei, die genauso aussah, wie man sie sich dem Namen nach vorstellt. Abends erwischte Stefan bei hoher Geschwindigkeit ein besonders tiefes Schlagloch, wodurch der Gepäckträger einfach unter der Last wegknickte, eine Speiche brach und die Felge verbog. Das Ganze wurde erst einmal provisorisch geflickt und wir suchten uns einen Schlafplatz an einem kleinen Waldstück.



Tag 25 (--> Alexandria, 99km)
Am nächsten Morgen wurde zunächst Stefans Rad repariert: Die Felge und der Gepäckträger wurden wieder gerade gehämmert, der Gepäckträger wurde mit einem Holzkeil verstärkt und die Speiche wurde ausgetauscht.

Nach zunächst langweiliger Fahrt gab es mittags dann doch noch ein absolutes Highlight: In einem kleinen Dorf lernten wir den lebensfrohen Aurel kennen, der uns zu sich nach Hause zum Essen einlud. Dort lernten wir dann die berühmte rumänische Gastfreundschaft kennen: Lica, Aurels Frau, tischte uns Salat aus dem eigenen Garten auf, dazu Fisch, Putenfleisch, Kaffee und selbstgegärten Rotwein. Wir wurden mit dem Gartenschlauch geduscht und Lica wollte sogar noch unsere Wäsche waschen, was wir dann mit viel Überzeugungsarbeit verhindern konnten.

Unser Aufenthalt währte ungefähr drei Stunden und die ganze Zeit versuchten Aurel und Lica, alles mögliche von uns zu erfahren, was sehr amüsant war, da die Beiden nicht einen Brocken irgendeiner anderen Sprache außer der rumänischen kannten und alle von uns Unmengen an Rotwein konsumierten. Wir schenkten Lica einige Fotos von uns, woraufhin sie völlig aus dem Häuschen war und uns auch welche von ihrer Familie schenkte. Als wir langsam aufbrechen wollten entdeckten wir einen Platten an Stefans Rad. Aurel fackelte nicht lange, schnappte sich den Reifen und fuhr damit auf seiner Mofa auf und davon.

Lica nutzte die Gelegenheit unseres verlängerten Aufenthaltes und holte ihre Tochter Anca in die Runde. Wir hatten den Eindruck, sie wollte einen von uns mit ihr verkuppeln, zumindest steckte sie mir die Telefonnummer von Anca unterm Tisch zu. Doch irgendwie passte die Konstellation nicht so gut, Anca war auf jeden Fall über 30, und so holte Lica gleich noch Rebecca, auch eine irgendwie geartete Verwandte von ihr, in die Runde und ließ sie mit Till und mir allein. Stefan versuchte währenddessen den aufgedrehten und betrunkenen Aurel von seinem Fahrrad fernzuhalten, da der nach der erfolgreichen Reparatur des Plattens nun noch mehr an dem Fahrrad überholen wollte. Rebecca sprach sehr gut Englisch und wir bekamen sehr interessante Infos von ihr, sowohl über das Land Rumänien als auch über unsere Gastgeber. Rebecca schien sich auch köstlich zu amüsieren, naja, wir waren auch ziemlich betrunken.

Nachdem Stefan und Aurel zusammen noch eine Spazierfahrt auf der Mofa gemacht hatten mussten wir uns dann aufgrund des engen Zeitplans schweren Herzens von unseren liebevollen Gastgebern verabschieden. Inzwischen war ein riesiger Trubel um das Haus herum, das halbe Dorf (also etwa 30 Leute) hatte sich um uns versammelt und Lica war eifrig damit beschäftigt uns allen vorzustellen. Sehr verwirrend und teilweise auch recht anstrengend war unsere Zeit in diesem Dorf, aber eigentlich vor allem sehr lustig und insgesamt einfach ein wahnsinnig tolles Erlebnis.

Sonst passierte heute nix Spannendes mehr, wir übernachteten in einem Motel.


Tag 26 (--> Ruse, 96km)
An dem bis dato heißesten Tag der Tour quälten wir uns immernoch durch die todlangweilige Walachei. In der prallen Mittagshitze fuhren wir zum Beispiel einen 30 Kilometer langen und schnurgeraden Feldweg entlang, ohne durch einen einzigen Ort zu kommen. Noch nicht mal ein einziger Baum lag auf dieser Strecke, und dummerweise hatten wir etwas wenig Wasser dabei. Das war doch ganz schön unangenehm, aber letztendlich alles eine Frage des Kopfes, wie Till immer zu sagen pflegte.

Schließlich kamen wir an die Grenze nach Bulgarien, an der wir Probleme bekamen, weil Tills Reisepass nass geworden und verklebt war. Die Grenzer waren nicht besonders kooperativ, vielleicht warteten sie auf Bakschisch, und so durften wir erst nach einer schier endlos langen Zeit des bangen Ausharrens die Grenze passieren.

In Bulgarien wurden wir von lauter lustigen kyrillischen Buchstaben begrüßt, die uns sogleich das Leben schwer machten. Wir fragten uns so irgendwie zur Innenstadt durch und stellten dort fest, dass alles fast genauso billig wie in Rumänien war, allerdings war die Auswahl hier viel größer. Stefan kaufte sich einen Walkman, wir ließen ein paar Fotos entwickeln und gingen Eis und später Pizza essen. Übernachtet haben wir dann in einem sehr preiswerten Hotel.


Tag 27 (--> Targoviste, 109km)
An diesem Tag sind wir zunächst etwa 70 Kilometer lang an einer Bundesstraße fast ohne Pause durchgefahren. Dann haben wir in Razgrad lange Mittagspause gemacht, während der wir wieder Fotos entwickeln ließen und Spaghetti und Pizza aßen. Es war schon immer sehr lustig die Gesichter der Ober zu sehen, wenn man sich kurz hintereinander zwei Hauptgerichte bestellte.

Wir fuhren dann noch über unzählige kleine, aber hundsgemeine Hügel nach Targoviste, wo wir entkräftet ein Hotel aufsuchten. Jetzt wäre langsam mal wieder Zeit für einen Ruhetag gewesen, aber der enge Zeitplan ließ das nun nicht mehr zu. Abends gingen wir nochmal essen, in dem Restaurant stand gerade bulgarischer Volkstanz auf dem Programm. Sehr amüsant zwar, aber wir waren froh, dass keiner uns zum Mitmachen aufforderte.



Tag 28 (--> ???, 89km)
An diesem Tag stand Frederike, also mein Rad, im Mittelpunkt. Mittags stellten wir erschrocken fest, dass Frederikes Rahmen abgeknickt war, und zwar knapp vor der hinteren Nabe. Die Rücktrittbremse hatte soviel Kraft auf den Rahmen ausgeübt, dass dieser verbogen war. Es war offensichtlich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war bis der Rahmen brechen würde. Ich war völlig verzweifelt, eine kleine Welt brach in sich zusammen.

Auf gut Glück fragte ich in meiner Verzweiflung den nächsten Menschen, der mir über den Weg lief, nach einem Schlosser und, wie sollte es auch anders sein, er kannte einen und fuhr mich sogleich zu ihm hin. Der Schlosser schaute sich mein Rad lange an, dann kloppte er den Rahmen mit einem Hammer wieder gerade, schweißte zwei Bleche zur Verstärkung darüber, dazu noch eine Querstrebe zur besseren Kraftverteilung, und schon war Frederike wieder beinahe wie neu! Auf die Handwerker in Osteuropa kann man sich wirklich verlassen, die Jungs haben's einfach drauf. Ich war unglaublich erleichtert.

Als wir dann weiterfuhren kamen wir in die Balkanausläufer und der Abend wurde noch heftig anstrengend. Abends kamen dann mal wieder die Hängematten zum Einsatz, bei mir auch noch das Moskitonetz, es war wirklich eine Plage mit den Mücken.


Tag 29 (--> Sredec, 101km)
Stefan hatte in der Nacht Wölfe heulen gehört, was wohl ziemlich beeindruckend gewesen sein muss. Schade, dass ich geschlafen habe wie ein Murmeltier. Der Tag begrüßte uns mit einem unfreundlichen Berg, worüber vor allem unsere inzwischen doch recht wackeligen Beine etwas verärgert waren. Es wurde sehr heiß, deutlich über 30°C mal wieder. Mittags kehrten wir in einem Restaurant ein, in dem zufällig gerade eine Hochzeit gefeiert wurde, welche wir gespannt verfolgten. Abends fanden wir auf einem kleinen Pass eine Ansammlung von urgemütlichen Hütten, in denen man für 3 Euro übernachten konnte.


Tag 30 (--> Malko Tarnovo, 68km)
Am nächsten Tag war es schon wieder unglaublich heiß, dazu verdammt bergig und obendrein hatten wir es nun auch noch mit einer Insektenplage zu tun. Insgesamt war es ein sehr harter Tag.

Mittags folgten wir knappe 30 Kilometer einem schlechten Schotterweg ohne zu wissen, wo wir uns befanden, geschweige denn wo der Weg hinführen mochte. Dabei begegneten wie mehreren tollen Adlern und sogar drei Wildschweinen. Letztendlich trafen wir dann auch wieder auf eine Strasse und stellten verwundert fest, dass wir genau dort waren wo wir ursprünglich hingewollt hatten. Puh, da waren wir aber erleichtert. Abends fanden wir ein günstiges Hotel und gaben dann noch unsere letzten bulgarischen Münzen im Ort für Essen aus.



Tag 31 (--> Kirklareli, 58km)

Morgens bald nach der Abfahrt platzte mein hinterer Mantel, was allerdings nicht so überraschend kam, er war doch schon sehr stark abgefahren. Wir flickten das Ganze provisorisch indem wir ein paar Meter Schnur fest um ihn wickelten, so dass ich wenigstens noch in die nächste Stadt eiern konnte.

Dann erklommen wir einen ganz ordentlichen Pass welcher die Grenze zur Türkei darstellte. Trotz Tills ramponierten Reisepasses kamen wir relativ problemlos durch und fuhren ziemlich euphorisch in die Türkei ein. Auf Anhieb fühlten wir uns sauwohl, begrüßt von staunenden Menschen, wild aber freundlich hupenden Autos und wüstenähnlichen Verhältnissen. Es war so heiß, dass der Teer auf den Straßen weich war, so dass wir die ganze Zeit sozusagen mit angezogener Handbremse fuhren. Ein ziemlich frustierender Kraftverlust.

In Kirklareli erlebten wir einen kleinen Kulturschock, in der Stadt war einfach die Hölle los und auf diesen Trubel waren wir nach den letzten teilweise doch recht öden Tagen nicht richtig gefasst. Weil wir es so spannend fanden entschlossen wir uns in dem Ort zu nächtigen, so dass wir dann sehr viel Zeit hatten um einige Sachen zu erledigen. Ich besorgte mir zum Beispiel einen neuen Reifen, den Till auf sein Vorderrad zog, während ich seinen fast neuen Schwalbe-Reifen bekam. Wir flanierten dann noch lange durch die Strassen und kauften unter anderem ein paar neue Klamotten ein und gingen Kebab essen.


Tag 32 (--> Gümüspinar, 120km)
Istanbul zog uns magisch an, so dass wir kurz vor dem Ziel noch mal richtig Gas gaben, allen Bergen und vor allem der wahnsinnigen Hitze zum Trotz. Abends platzte Stefans hinterer Reifen, möglicherweise war die Belastung durch die leicht geschmolzene Straßenoberfläche der Grund. Er nähte den Reifen provisorisch wieder zusammen, der Schlauch musste ausgetauscht werden. Um den Reifen etwas zu entlasten wurde er zudem mit dem vorderen getauscht.

Als das Rad endlich wieder fahrbereit war, da war es auch schon dunkel und es war noch kein geeigneter Schlafplatz in Aussicht. Wir fuhren in das nächste kleine Dorf und erkundigten uns nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Man führte uns zum Dorfplatz, auf dem sich schnell beinahe 40 staunende Dorfbewohner einfanden, die dann eifrig berieten, was man mit uns machen könnte.

Wir bekamen erst einmal Tee gereicht und wurden dann im Dunkeln zur Dorfquelle geführt, wo wir unsere Hängematten aufspannen konnten. Ein Türke ließ noch eine Weile sein Auto mit eingeschaltetem Licht für uns stehen, damit wir etwas sehen konnten beim Herrichten unseres Nachtlagers. Die Leute waren überhaupt ausgesprochen freundlich zu uns, wir wurden auch gleich für den kommenden Morgen zum Kaffee eingeladen. Wir kochten dann noch ein paar Nudeln, kämpften eine Weile mit den unzähligen Mücken und schlummerten dann irgendwann ein.


Tag 33 (--> Istanbul, 59km (teilweise Bus))
Am nächsten Morgen wurden wir von einer riesigen Rinderherde geweckt, welche direkt an uns vorbei und über unsere Sachen trampelte. Trotz der etwas Angst einflößenden Weckaktion hob diese letztlich witzige Begebenheit doch gleich wieder unsere Laune.

Ich hatte nicht gedacht, dass man Istanbul nun noch verfehlen könnte, doch in meiner Unachtsamkeit verwechselte ich zwei Ortsnamen und wir fuhren ganze 25 Kilometer in die falsche Richtung, genau nach Norden. Sehr frustrierend war das, allerdings bemerkten wir, dass wir dadurch nur noch knappe 5 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt waren. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und raste kurz dorthin, sprang ins Meer und raste wieder zu den anderen Beiden zurück, die derweil eine Dorfbevölkerung mit unseren Fotos unterhalten hatten.

Danach entschlossen wir uns, mit dem Bus die letzten Kilometer nach Istanbul zu fahren, schließlich war die heutige Ankunft fest eingeplant. Letztendlich haben wir uns den Umweg sogar noch schönreden können, haben wir uns doch so die verkehrsreiche Einfahrt in die Metropole Istanbul erspart.

In Istanbuls Innenstadt angekommen landeten wir in einem Hotel, dass sich als wahrer Glücksfall für uns entpuppte: Wir konnten den Preis pro Person von 17 auf 10 Euro herunter handeln, das Ganze mit Frühstück, TV und Klimaanlage, mitten in Sultanahmet, dem Touristenviertel Istanbuls.

Somit hatten Till und Stefan ihr Ziel, sowie ich mein erster großes Zwischenziel erreicht.