Also schnell die Taschen vom Rad und los geht's, fünf Kilometer auf kaputter Piste den Berg hoch. Am
Anfang ist sogar die Spur von Stefans Rad sichtbar, Richtung Tassreft führend. Nach ein paar hundert
Metern bricht sie allerdings ab, eine falsche Fährte vermutlich (denn im Gegensatz zu den Bewohnern
von Tarssout hatte uns niemand aus Tassreft am Vorabend sehen können). In Tassreft angekommen herrscht
Totenstille, alles schläft noch. Ich fahre durch die Gassen, mache ein bisschen Lärm, bis mich
schließlich der bärtige Said entdeckt. Er kann ein paar Brocken französisch, versteht zumindest,
dass ich ein großes Problem habe. Er fordert mich auf ihm zu folgen und so ziehen wir durchs Dorf:
Er klopft an verschiedene Türen, redet mit verschlafenen Gestalten, weckt schließlich resolut Norredine,
einen französisch sprechenden Studenten aus Beni Mellal, einige Jahre jünger als ich. Ich schildere ihm
die Situation, er reibt sich die halboffenen Augen, was ich jetzt tun wolle? Na ja, ich will die Gendarmerie
so schnell wie möglich hier haben und dann das andere Dorf auf den Kopf stellen. Langsam wird er wacher,
"d'accord, d'accord", zieht sich was über und wir gehen zurück in die Dorfmitte. Er erklärt mir, dass wir
nicht die Gendarmerie rufen können, das könnten nur die zuständigen Autoritäten hier in der Region, an sie
müssen wir uns zunächst wenden. Mir erst mal egal, Hauptsache es passiert was! Er weckt den Besitzer einer
Teleboutique, dann führen er und Said etwa ein Dutzend Telefonate. Alle Autoritäten schlafen noch...
Kann ich nicht vielleicht doch die Gendarmerie anrufen? - Nein, auf keinen Fall... Na gut, dann möchte ich
jetzt in das andere Dorf fahren, gibt's hier einen Jeep? - Nein, nur einen Pickup mit Zweiradantrieb...
Können wir es damit versuchen? - Ja, eventuell, wenn ich den Fahrer bezahle... Klar, mache ich! -
Aber erst mal muss der Fahrer noch frühstücken...
Hassan tritt auf den Plan und lädt mich zum Frühstück ein. Ich fühle mich nicht wohl dabei, will
lieber schnell was bewegen. Aber ohne Auto geht eh nichts, also gehe ich erst mal mit zu Hassan.
Wir trinken Tee, es gibt Brot mit Olivenöl und Omelette. Während des Essens schauen viele andere
Dorfbewohner herein und stellen sich mir vor, darunter Said senior, ein älterer Mann mit sehr ausgeprägten
Lachfalten, dem die Zornesröte ins Gesicht steigt als Norredine ihm von dem Diebstahl erzählt. Er schimpft
und haut mit der Faust mehrfach an die Wand. Das ist unser Mann denke ich, der setzt sich für uns ein.
Nach mehr als einer Stunde dann endlich: "Yalla, yalla!", der Fahrer ist nun bereit. Mit drei Mann vorne
und fünf anderen, teilweise stehend hinten auf der Ladefläche, brechen wir auf nach Tarssout.
Wir erreichen den Zeltplatz, Stefan steht mit gepackten Taschen an der Strecke. Später meint er zu mir,
wir hätten ausgesehen wie ein wilder Lynchmob!
Taschen und Stefan kommen auch auf die Ladefläche und weiter geht die wilde Fahrt, nur ab und zu
unterbrochen an unpassierbaren Stellen, bei denen wir von der Ladefläche hüpfen und in Windeseile
die weggespülten Pistenstücke mit Steinen und Schlamm ausbessern. Bei einer dieser Stellen hat der
Fahrer keine Geduld, will gleich mit Schwung durch und bleibt prompt stecken. Also alles abladen und
schieben, vorwärts, rückwärts, nichts geht mehr, der Wagen gräbt sich nur immer tiefer ein. Said junior
marschiert los zum nächsten Haus um Hilfe zu holen. Er kommt wieder umrahmt von zwei zwergwüchsigen
Marokkanern mit unerhört schiefen Zähnen, welche Spitzhacke, Schaufel und zwei Baumstämme auf den Schultern
tragen. Was für ein lustiges Bild! Es folgen zwei harte Stunden des Ausgrabens, immer wieder heben wir den
Wagen mit acht Mann auf einer Seite an, während die Zwerge Schlamm wegschippen und Steine unter die Räder
schieben. Nach einer gefühlten Ewigkeit und etlichen vergeblichen Versuchen kann sich der Wagen schließlich
befreien. Ich rufe "al hamdulilah", was Norredine dazu veranlasst mich zu fragen, ob ich ihm ein Gebet
nachsprechen möchte. Klar, warum nicht, ich wiederhole die von ihm vorgesagten Verse. Die anderen jubeln
und Norredine meint, das wäre eine große Geste von mir gewesen - kein Ding sag ich da mal... Nur der Fahrer
hat keine Lust mehr, er will jetzt auf jeden Fall umkehren. Na gut, sei's drum, die Piste wäre wirklich nur
noch schlechter geworden und einen richtigen Plan hatte ich auch nicht für das weitere Vorgehen. Bevor wir
umkehren holen die Zwerge aber noch mal eine Kanne Tee, Stefan und ich spenden Brot und Sardinen. An sich
eine lustige Runde, aber es ist schon mittags und wir sind bezüglich des Fahrrades noch keinen Schritt
weiter...
Wir fahren also in voller Besetzung zurück nach Tassreft, bei der Einfahrt in den Ort traue ich meinen
Augen nicht: An die 200 Leute tummeln sich in der Dorfmitte, ein Landrover und ein weiteres Auto sind
jetzt da, es herrscht offensichtlich Ausnahmezustand in diesem kleinen, abgelegenen Atlas-Dorf. Norredine
winkt mich nach vorne zu ihm auf den Beifahrersitz, erklärt mir wie es weitergeht: "Le Shir" sei da vorne,
der Dorfchef von Tarssout, zu ihm soll ich besonders freundlich sein. Er erklärt mir sogar wie ich meine
Hand zu küssen habe nachdem ich sie ihm gebe - weiß ich doch schon alles. Außerdem, noch wichtiger,
"l'Autorité" ist da, der Provinzchef, ein rundlicher Mann mit Militäruniform, der Besitzer des Landrovers.
Ihm soll ich 200 Dirham zustecken, na hoffentlich bewirken sie auch was bei diesem eher gemütlich wirkenden
Mann. Wir steigen aus, was für ein Trubel, die Leute schreien durcheinander, jeder hat was zu sagen,
ich weiß gar nicht wie mir geschieht. Jetzt endlich habe ich das Gefühl, dass hier noch was passieren
könnte bezüglich Stefans Rad. Le Shir begrüßt mich gleichgültig und ist auch schon wieder weg, l'Autorité
(den übrigens alle in der Tat so nennen) hingegen ist sehr bemüht, spricht französisch und auch ein
bisschen englisch, erklärt mir das weitere Vorgehen: Er möchte zunächst ein paar Sachen alleine regeln,
danach werden wir zusammen nach Tarssout fahren und nach dem Fahrrad suchen. Bis dahin sollen wir in
Ruhe zu Mittag essen. Von Ruhe kann keine Rede sein, wir wollen keine weitere Verzögerung, haben aber
letztendlich keine Wahl. Also geht's erst mal wieder zu Hassan, der uns, den beiden Saids und Norredine
eine riesige Tajine serviert. Danach noch eine lange Teezeremonie, Hassans Frau tritt auf den Plan und
möchte meine Kleidung waschen. Ich habe zwar andere Sorgen, aber warum eigentlich nicht...
Gegen 14 Uhr dann steht l'Autorité in der Tür, "yalla, yalla", endlich geht's los! Ich möchte gerne
Norredine dabeihaben, aber l'Autorité ist der Boss und duldet neben Stefan, le Shir und mir nur noch
Said senior im Landrover. Na immerhin einer, bei dem ich mir sicher bin, dass er uns helfen will.
Wir fahren ab, das ganze Dorf grölt uns hinterher. Eine irre Atmosphäre und man merkt, dass die Leute
geschlossen auf unserer Seite stehen. Wenig später zeige ich l'Autorité unseren Zeltplatz, während le
Shir im Auto bleibt und sich lieber noch ne Kippe ansteckt. Said senior bleibt am Zeltplatz, er möchte
sich die Gegend noch ein wenig angucken und nahegelegene Häuser durchsuchen. Dann fahren wir in Tarssout
ein. Stefan und ich sind sehr angespannt, denn wir rechnen mit unangenehmen Szenen, wenn wir gleich
Verdächtige identifizieren sollen.
Es zeigt sich, dass die Leute in dem Dorf zwar bereits über die Lage informiert sind, aber herzlich
wenig Interesse an der Aufklärung zeigen. Der Ort ist komplett verschlafen, was bin ich froh heute
morgen nach Tassreft gefahren zu sein. Ich rede mit einigen Jugendlichen, und ohne dass ich direkte
Fragen gestellt hätte wird mir ziemlich bestimmt entgegengeschmettert, die Leute aus Tassreft hätten
das Rad geklaut. Eine Behauptung die meines Erachtens verdächtig gut zur Theorie der falschen Fährte passt.
L'Autorité macht erst mal keine großen Anstalten, erklärt mir, dass es erst in einer Stunde weiterginge
und wir jetzt erst mal bei einem Freund von le Shir Tee trinken. Meine Hoffnung schwindet, ich habe das
Gefühl, dass uns keiner Ernst nimmt bzw. nehmen will. Aber wir sind komplett abhängig von den beiden
Machern, folgen daher zum Tee. Nach der sehr langen Zeremonie geht's wieder nicht direkt weiter,
stattdessen legt sich le Shir gleich neben mir auf dem Teppich schlafen und schnarcht fröhlich vor sich
hin. Währenddessen trinkt l'Autorité Cola, mampft Nüsse in rauen Mengen und rülpst lautstark und ungeniert.
Aaaaahhhhh, wann passiert hier endlich mal was?!!
Irgendwann zeigt sich der Gastgeber mal wieder und weckt le Shir unsanft auf, sollte nun
womöglich mal was passieren? Denkste, jetzt gibt's erst mal wieder was zu Essen, Broschettes
(Fleischspieße) werden aufgetischt. Ich bin inzwischen ziemlich genervt, Hunger habe ich auch
nicht, daher lehne ich meinen Spieß trotzig ab. Ist sicher ein Fehler, in jedem Fall sehr unhöflich,
le Shir schaut mich auch sehr kritisch an. L'Autorité ist es herzlich egal, er freut sich vielmehr
darüber einen zweiten Spieß zu bekommen.
Nach dem Essen rechne ich schon mit der nächsten Teezeremonie, doch diesmal täusche ich mich,
l'Autorité ruft direkt zum Aufbruch. Wir gehen mit den beiden Machern auf einen kleinen Hügel
in der Dorfmitte und mir wird erklärt, dass wir gleich die von uns Verdächtigten identifizieren
sollen. In der Tat dauert es keine fünf Minuten bis sich knapp 80 Jungen und Männer - die komplette
männliche Dorfbevölkerung - auf dem Hügel im Halbkreis eingefunden haben. Die Stimmung ist angespannt,
auch Stefan und ich sind äußerst nervös. Auch mein Spezi von gestern Abend mit den schiefen Mundwinkeln
ist anwesend, an ihn hatte ich heute morgen sofort gedacht. Nun endlich wird l'Autorité seinem Namen
gerecht, er hält eine wütende, etwa zehn Minuten dauernde Ansprache während der keiner der Zuhörenden
auch nur einen Mucks von sich gibt. Stefan und ich beraten uns derweil, der Junge mit den schiefen
Mundwinkeln sieht nervös aus, schaut nur auf den Boden und wackelt unentwegt mit den Beinen. Genauso
verhalten sich noch zwei andere Jugendliche direkt neben ihm, von denen zumindest einer gestern im
Oued dabei war. Aufgrund ihres äußerst auffälligen Verhaltens während der Ansprache sind wir uns nun
sehr sicher, dass unter ihnen der Dieb zu finden ist. Als l'Autorité seine Ansprache beendet gehe ich
zu ihm und frage ihn flüsternd, ob ich wirklich jetzt vor versammelten Dorf meine Vermutungen
aussprechen soll. "Bien sur" erwidert er, also gehe ich schnurstracks zu den Dreien, zeige auf sie
und sage, dass wir sie verdächtigen. Ich sage natürlich dazu, dass dies reine Spekulation ist,
welche auf unseren Eindrücken von gestern Abend beruht. Doch das hilft jetzt nicht mehr viel,
Hektik bricht aus: Zwei der Verdächtigten, vor allem aber der mit den schiefen Mundwinkeln,
sind außer sich vor Wut, springen zwischen den Leuten hin und her, fuchteln wie wild mit den
Armen und schimpfen lauthals - außer dem wiederholt vorkommenden "Allah" verstehen wir natürlich
nichts. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, meine Güte, was haben wir da nur angerichtet?!
Eine knappe halbe Stunde lang diskutiert der männliche Teil der Dorfgemeinschaft nun aufgebracht,
wir haben aber nicht wirklich den Eindruck dass sich etwas tut. Ich frage l'Autorité ob wir die
Häuser der Verdächtigten sehen können - nein, das ginge nicht, dafür müsste ich erst morgen eine
Anzeige bei der 65 Km entfernten Gendarmerie in Aghballa machen. Langsam macht sich bei allen eine
gewisse Ratlosigkeit breit und irgendwann fragt mich l'Autorité dann auch was ich jetzt zu tun gedenke.
Sch****, gibt der jetzt etwa schon auf? Ich übertreibe maßlos, sage, dass ich morgen zur Gendarmerie
möchte und dann das ganze Dorf durchsuchen will. Ohne Fahrrad würden wir die Gegend nicht verlassen
lüge ich weiter, mindestens eine Woche könnten wir warten (tatsächlich hatten Stefan und ich abgemacht,
dass wir spätestens morgen mit dem Taxi Richtung Marrakesh fahren). Ich verhalte mich damit so, wie
Said junior und Norredine es mir vorher eingebläut hatten: Hartnäckig sein, Druck machen, auf seinem
Recht bestehen.
In der Tat scheint das Eindruck zu machen, es folgt eine längere Beratung zwischen l'Autorité,
le Shir und zwei älteren Dorfbewohnern. An ihrem Ende verkündet mir l'Autorité, dass er jetzt erst
mal die umliegenden Dörfer besuchen und sich dort nach dem Rad erkundigen möchte. Wir mögen solange
hier warten. Also düst er mit seinem Landrover davon, während wir der Einladung der beiden
Dorflehrer zum Tee in die Schule folgen. Der eine, noch sehr junge Lehrer spricht gut Englisch und
erzählt uns von den großen Problemen hier im Dorf: Letzten Herbst hätten Jugendliche die Scheiben
eines Touristenjeeps eingeworfen, im Sommer hat es eine Vergewaltigung gegeben und im letzten Winter
soll ein Jugendlicher seinen vermeintlichen Freund in der Schule erstochen haben! Die Lehrer selber
sind aus Beni Mellal und nicht freiwillig hier, bemühen sich schon seit Langem um Versetzung...
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrt l'Autorité zurück ins Dorf, Neuigkeiten gibt es allerdings keine
(Ich vermute, dass er nur wieder irgendwo Tee getrunken hat). Wieder werden die Männer des Dorfes
zusammengetrommelt, wieder gibt es eine Ansprache von dem Provinzchef, diesmal allerdings weitaus
weniger feurig als beim ersten Mal. Die Männer diskutieren lange, während Stefan und ich langsam
anfangen zu resignieren. Hier ist keine Dynamik mehr drin und langsam dämmert es - wir glauben nicht
mehr dran, dass heute noch etwas passiert. Doch wieder werden wir überrascht, denn aus völlig heiterem
Himmel bricht erneut Hektik aus: Die Männer brüllen sich auf einmal gegenseitig an, jetzt ist auch mal
le Shir mittendrin und liefert sich ein Wortgefecht mit einem unserer Hauptverdächtigten. Dann kommen
auf einmal einige Frauen auf den Hügel gelaufen, zwei von ihnen wild schreiend bzw. heulend. L'Autorité
schickt Stefan und mich in seinen Range Rover. Von der Rückbank aus beobachten wir verunsichert das nun
immer verrückter werdende Spektakel. Eine der Frauen (vermutlich die Mutter eines der Verdächtigten)
führt sich auf, als wäre ihr Sohn ermordet worden, sie liefert sich mit le Shir eine handgreifliche
Auseinandersetzung, in die sich im Folgenden noch einige weitere Personen einmischen. Es wird an den
Haaren gezerrt und mit der flachen Hand geschlagen, einmal geht auch jemand zu Boden. Ich habe keine
Ahnung, wer hier gegen wen kämpft, auf jeden Fall ist die Hölle los. Mittendrin sind auch die Verdächtigten:
Einer ist nahe an meinem Fenster und starrt mich mit weit aufgerissenen verweinten Augen an, zeigt dabei
mit einer Hand in Richtung Himmel und macht mit der anderen Ohr-Abschneide-Gesten (später wird mir einer
der Lehrer erklären, er habe gesagt, dass Allah das Fahrrad geklaut hätte, die Ohr-Geste hat er angeblich
nicht gesehen). Während Stefan noch recht cool ist bekomme ich echt Angst, weil ich bei Teilen der
Dorfbevölkerung unweigerlich an einen Lynchmob denken muss. Auf jeden Fall sind einige der Leute hier
stinksauer auf uns. Allerdings scheint immerhin l'Autorité seine Autorität noch zu besitzen, ihn rührt
keiner an und er schafft es einigermaßen, die Stimmung nicht überkochen zu lassen. Nach einer
gefühlten Ewigkeit - wahrscheinlich allerdings nicht mehr als 3 Minuten - kommt L'Autorité zum Range
Rover, diskutiert vom Fahrersitz aus noch ein wenig mit le Shir, fährt dann aber unter wildem Geschrei
der Dörfler schließlich ab. Al hamdulilah!
Ich bin ziemlich von der Rolle und erst mal nur froh, dass wir jetzt den Ort verlassen, das Fahrrad
habe ich gerade gar nicht mehr im Kopf. Am Ortsausgang fragt mich der Lehrer, was in der Tasche
gewesen sei. "Wie zum Teufel kommt der jetzt darauf?" denke ich und antworte, dass es nur
Klamotten waren. Er fragt ob wir die Tasche unbedingt brauchen. Nein, natürlich nicht, nur
das Fahrrad. Woraufhin l'Autorité sich kurz umdreht: "La bicyclette a été trouvé". Ich
verstehe ihn zwar, glaube aber kein Wort. Ich frage den Lehrer ob das ein Spaß gewesen sei.
Nein, nein, das Fahrrad sei da. Stefan und ich können es absolut nicht glauben. Erst jetzt
merken wir, dass auch Said, der nette alte Mann aus Tassreft, im Range Rover ist. Und der hat
ein äußerst breites Grinsen im Gesicht. Der Grund ist jetzt klar, er hat das Fahrrad gefunden!
Wir erreichen das Haus der Zwerge - am Wegesrand liegt Stefans Rad! Stefan und ich sind baff
und außer Rand und Band, wir springen aus dem Jeep, rufen "al hamdulilah" und umarmen alle
Beteiligten. Und die strahlen, die Zwerge, der Lehrer und Said freuen sich mit uns, l'Autorité
ist sichtlich stolz auf die getane Arbeit. Uns wird erklärt, dass Said an dem Zeltplatz die
Spur des Diebes aufgenommen hat. Das sei sehr schwierig gewesen, weil sie immer wieder lange
unterbrochen war. Letztendlich habe sie ihn allerdings etwa einen Kilometer weit von der Piste
weg steil den Berg hinauf geführt, wo er das Rad schließlich hinter Bäumen versteckt fand.
Das Fahrrad sieht im Prinzip OK aus, allerdings ist am Hinterrad Mantel und Schlauch komplett
von der Felge gezogen. Who cares?
Auf der Weiterfahrt erklärt mir der Lehrer, warum es kurz zuvor in Tarssout zu der Hektik gekommen
ist. L'Autorité hatte die Nachricht des Fundes den Dorfbewohnern mitgeteilt und die Tatsache,
dass das Rad nicht im Dorf gefunden wurde haben einige als Beleg dafür angesehen, dass der
Dieb nicht aus ihrem Dorf sei. Einige Leute seien dementsprechend sehr böse auf Stefan und
vor allem auf mich wegen meiner Anschuldigungen gewesen. Der Lehrer meint dazu, ich solle
nicht weiter darüber nachdenken, die Leute seien komplette Vollidioten und verstünden gar
nichts (nun, zumindest die völlig absurde Logik von ihnen war mir auch aufgefallen...).
Als wir wenig später in Tassreft einfahren ist immer noch eine große Menschenmenge in der Dorfmitte
versammelt, sofort ist jedes Augenpaar auf den Jeep gerichtet. Es ist ein bisschen so, als ob die
Schalker Spieler mit der Meisterschale im Gepäck nach Gelsenkirchen einfahren würden: Stefan
springt hinten aus dem Jeep, nimmt das Rad an und reißt es wie einen Pokal in die Höhe - das
Dorf antwortet mit lautem Gejubel! Alle möglichen Leute kommen zu uns, begutachten das Fahrrad,
wollen uns die Hände schütteln. Ich bin so überwältigt von der Anteilnahme der Leute hier, dass
ich einfach alle umarme, was auch niemanden zu stören scheint. Einfach nur geil, wie dieses Dorf
mitgefiebert hat. L'Autorité fragt mich noch mehrmals ob jetzt alles in Ordnung sei, er genießt
sichtlich den Erfolg seiner Mission - der natürlich ausschließlich dem Fährtenleser Said zu verdanken ist...
Hassan lädt uns erneut zum Essen ein, diesmal gibt es Brot, Sardinen und Omelett. Er hat zehn Kinder,
welche uns während des Essens und der anschließenden Teezeremonie ordentlich auf Trab halten. Eine
kleine Taschenlampe mit Blinkfunktion, die ich mal als Werbegeschenk bekommen habe, entpuppt
sich als ideales Gastgeschenk für die Kinder. Hassans Frau überreicht mir meine Wäsche -
unglaublich, selbst die Ölflecken aus der hellen Hose hat sie alle irgendwie rausgebalgt.
Am späten Abend gehen wir noch mal in die Dorfmitte und spielen in einer Art Teehaus mit einigen
Marokkanern Karten. Stolz erklären sie uns ein "marokkanisches" Kartenspiel, welches sich letztendlich
als Rommé entpuppt. Um uns herum tummeln sich dicht gedrängt etwa 30 Leute, die Stimmung ist geradezu
überschwänglich. Immer wieder wird über die Bewohner des anderen Dorfes, also Tarssout, hergezogen.
Wir werden sogar im Spaß gefragt, ob wir mithelfen wollen, sie zu verprügeln. Schon interessant zu sehen,
wie unterschiedlich die Bewohner der beiden Dörfer mit uns umgehen. Vermutlich liegt es aber einfach nur
daran, dass ich von Anfang an einen Generalverdacht über Tarssout verhängt habe, und in Tassreft Hilfe
gesucht habe.
Gegen 23 Uhr gehen Stefan und ich wieder zurück zu Hassan, in dessen Wohnzimmer wir auf Teppichen übernachten.
Einschlafen können wir allerdings erst Stunden später...