12. Februar 2010, 5:50 Uhr, Hannover Flughafen.

Zum fünften Mal Marokko. Wie immer freue ich mich riesig auf das Land und die Menschen, auf die Muezzine, den thé à la menthe, auf abenteuerliche Pisten und die "Inchallah"-Mentalität (aber bitte nur wenn's uns gerade passt...). Ich freu mich sehr, dass Stefan wieder dabei ist, unsere gemeinsame Tour letztes Jahr war genial und jetzt wollen wir mehr, soll heißen: Hoher Atlas! Ich will mir ja treu bleiben, daher hier noch schnell das obligatorische Vor-der-Tour-Gejammere: Ich bin erkältet. Zudem starke Rückenschmerzen wegen der zurückliegenden harten Umzugswochenenden. Nicht zuletzt völlig außer Form, die letzte Radtour >50 Kilometer war irgendwann im letzten Sommer. Alles Gelaber, ich weiß genau, dass alle Sorgen vergessen sein werden sobald ich erstmal im Sattel sitze. So, Boarding geht los, Film ab!!

 



1. Tag -> Taroudannt (64 Km, Schnitt 23 km/h)

Al hamdulilah! Wieder einmal umsonst all meine Sorgen wegen des Fahrradtransports, komplett unversehrt nehmen wir unsere Böcke in Agadir-Al Massira entgegen. Ich weiß gar nicht warum mir das jedes Mal wieder Bauchschmerzen bereitet, bisher gab's eigentlich noch nie Probleme. Unweit des Flughafens kehren wir kurz in einem Café ein, in dem wir schon letztes Jahr waren. Der Besitzer erkennt uns und scheint zu denken, dass wir seit einem Jahr in Marokko umherreisen...



Heute steht ansonsten nicht mehr als gemütliches Einrollen auf dem Programm, stetiger Rückenwind schiebt uns in Richtung Taroudannt. Unterwegs unzählige nette Begegnungen, schon am ersten Tag grüßen uns hunderte Menschen durch Winken, "Bonjour"-Rufen, Hupen oder Beifall klatschen - hier fühle ich mich wohl! Bemerkenswert sind die augenscheinlichen Folgen des extrem regenreichen Winters: die Landschaft ist satt grün wie ich es hier noch nie zuvor gesehen habe, sämtliche Straßen haben bisher nur notdürftig ausgebesserte Beschädigungen, riesige Pfützen säumen den Weg. Da bin ich ja mal gespannt auf die Pisten die uns in den Bergen erwarten...

 

In Taroudannt, meiner Lieblingsstadt in Marokko, gehen wir wie immer ins Hotel Atlas, essen Couscous am Place Assaragh und spielen Billard in einem Kellerloch, umringt von kiffenden Jugendlichen. Alles wie immer, ich fühle mich schon fast zuhause hier. Zur Dämmerung ruft der Muezzin, Gänsehaut, wir kommen an.



2. Tag -> Igherm (86 Km, Schnitt 14 km/h)

Kurz hinter Taroudannt stelle ich fest, dass ich die Schrauben eines Cleats (Schuh-Pedale-Bindung) verloren habe. Von nun an kurbele ich also zunächst asymmetrisch, will sagen einseitig eingeklickt weiter. Mit unrundem Tritt geht's hinein in den Anti-Atlas, gleich zu Beginn der Tour erwarten uns heute rund 2000 Höhenmeter - zum Glück auf Asphalt, die Fitness lässt nämlich noch auf sich warten. Die Landschaft ist idyllisch, überall die typischen Gesteinsmaserungen, mit Blüten übersäte Wiesen, Terrassen und stets im Hintergrund das majestätische Toubkalmassiv.

   

Wir tun uns recht schwer, schon früh fangen die Muskeln an zu brennen. So machen wir viele Pausen, schleppen uns voran und erreichen erst gegen 18 Uhr ziemlich ausgepumpt Igherm. Die idealen Bedingungen schreien zwar nach einer Zeltnacht, aber unsere Körper schreien noch lauter: "Dusche! Tajine! Tee!" - und so suchen wir eine freundliche Absteige an der Hauptstraße in Igherm auf. Das Duschwasser ist eiskalt, aber die Tajine ist gut.







3. Tag -> ? (73 Km, Schnitt 14 km/h)

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hält sich der Muskelkater am Morgen doch in Grenzen. Zum Glück, denn wir müssen gleich nach dem Frühstück mit äußerst heftigem Gegenwind kämpfen - ob wir etwa wieder soviel Pech wie letztes Jahr haben werden? Bei Kilometer 20 beginnt eine geniale Abfahrt, die uns von der kargen Hochebene hinab in eine herrliche, von Palmen gesäumte Schlucht führt. In der Oase Tagmoute machen wir ausgedehnt Mittagspause mit Omelett und Tee, der Café-Inhaber erzählt uns von einem großen Festival, dass in 10 Tagen in Imi-n-Tatelt, also hier in der Nähe beginnen soll. Da kommen wir leider zu früh...

   

Wenig später erreichen wir den Pisteneinstieg, mit der mühsamen Querung des breiten Oueds Tata beginnt eine neuerliche Fahrt ins Ungewisse: Über diese Piste habe ich keinerlei Informationen im Vorfeld auftreiben können, abgesehen davon, dass man sie in GoogleEarth erkennen kann. Das sind meine Lieblingsstrecken, man weiß nie was kommt. In der Tat ist die Piste zunächst etwas besser als selbst ich Optimist erwartet hatte, sogar mit Jeep befahrbar! Bei großer Hitze hoppeln wir langsam das Tal hinauf. Das große Spektakel bleibt zunächst aus - oder bin ich einfach nur zu verwöhnt? Die Einsamkeit ist jedenfalls herrlich, nicht ein einziger Mensch begegnet uns mehr heute. Wir biwakieren daher auch direkt neben der Piste. Zu Essen gibt es Piratensuppe mit Graupen, ein toller Abend, nur Feuerholz fehlt zur Perfektion. Plötzlich ein Aufschrei, Stefan hat sein AirBerlin-Kissen in Igherm liegen lassen - ich lache mich kaputt...

     



4. Tag -> hinter Akka-Irhén (75 Km, Schnitt 15 km/h)

Um 7 Uhr passieren wir einen noch verschlafenen Ort, man merkt, dass hier eher keine Touristen durchkommen: Die Frauen verdecken hastig ihre Gesichter und die Kinder starren uns nur mit großen Augen schweigend nach anstatt zu betteln. Ein süßes Mädel winkt schüchtern, verbirgt dabei aber die Hand unterm Schleier. Kurz darauf machen wir eine lange Frühstückspause, kochen Kaffee und braten Cabanossis. Stefan hat schon seit Beginn der Tour einen schleichenden Plattfuß und erwägt nun, ihn zu flicken, entscheidet sich letztlich aber dazu lieber wie bisher gelegentlich zu pumpen (von nun an werden wir jeden Morgen pumpen...). Nach einem kleinen Pass folgt eine steinige Abfahrt, der sich einige noch steinigere, lange Oued-Passagen anschließen. Wir schieben jetzt viel, motorisierte Fahrzeuge kommen hier derzeit nicht durch, zu heftig hat das Wasser gewütet.



 

In einer Oase reißt ein Haken meiner Lowrider-Taschen ab, wir flicken mit Kabelbindern. Während wir da so werkeln kommt eine sehr alte Frau mit schwerer Last vorbei, die uns prompt zum Tee einlädt. Schnell verselbständigt sich die Situation, Hamed, der Hausherr, erscheint und besteht darauf, dass wir zum Essen bleiben. Ein sehr sympathischer Mann mit tief eingegrabenen Lachfalten, man könnte ihn auch für einen Clown halten. Kurz darauf sitzen wir mit ihm, seinem Vater und vier Söhnen - die Töchter schauen von der Tür aus zu - in seinem Haus und trinken Tee. Nach einiger Zeit kommt eine Tajine auf den Tisch, aus der wir zu acht mit den Händen essen. Ein Stück Fleisch, um genau zu sein ein Stück dickwulstige Hühnerhaut, bleibt bis zum Ende liegen. Gastgeber Hamed macht mit Gesten klar, dass dieses "beste Stück" des Tieres wohl für mich, auf jeden Fall aber für uns vorgesehen ist. Stefan hilft mir zum Glück aus der Patsche, schnappt sich das Stück und schlingt es herunter - Hamed lächelt zufrieden. Anschließend gibt's nochmal Tee, ein Gebet wird gesprochen und wir werden herzlich verabschiedet.

Gegen Mittag erreichen wir die Asphaltstraße nach Akka-Irhén, bisher stehen 29 Km mit einem Schnitt von gerade einmal 9 km/h zu Buche. Doch jetzt wendet sich das Blatt, bei leichtem Rückenwind, 1-2% Gefälle und mit David Bowie im Ohr (in meinem Fall) fliegen wir mit 40 km/h durch die öde Steinwüste. Der Ort Akka-Irhén wirkt, wie schon letztes Jahr, sehr unangenehm auf uns: Die Kinder betteln aggressiv, das "Bonjour" wird einem hier nur so entgegen gebrüllt. Woran das liegt wird auch gleich klar, als ein Ausflugsjeep-Konvoi aus Tata eintrifft und ein Bündel Touristen, darunter Frauen in kurzen Röcken und schulterfreien Tops, auswirft. Gruselig, wir drücken uns schnell ein paar ziemlich perverse frittierte Fische rein und verkrümeln uns in Richtung Wüste.

 

Auf der sich anschließenden schönen Piste reißt eine Lowrider-Schraube aus meiner Gabel, das Gewinde nimmt sie gleich mit. Sei's drum, ein bisschen Schwund ist immer, eine Schlauchschelle tut's auch. Wir zelten neben der Piste, kochen Reis in "Schinkenklößchensuppe Österreich mit Frittaten" und genießen den Abend am Lagerfeuer.



5. Tag -> Pass vor Issil (42 Km, Schnitt 6 km/h)

Nach Kaffee und gebratenen Cabanossis zum Frühstück steigen wir gegen 7 Uhr wieder in den Anti-Atlas ein. Die Piste ist zunächst einigermaßen in Ordnung und führt durch eine weite, von Palmen übersäte Schlucht. Das Oued führt sogar noch fließend Wasser, hätte ich hier nicht mit gerechnet. Wir passieren eine gewaltige Kasbah und zwei gar nicht mal so kleine Orte, unfassbar, dass die Michelin-Karte hier in der Gegend nichts verzeichnet.

     

Im Laufe des Tages verschlechtert sich der Zustand der Piste leider dramatisch, die Schiebepassagen werden immer länger, keine Chance mehr für Jeeps hier. Wir kommen kaum noch voran, Stefan hat auch noch zwei Platten, jeweils von Dornen verursacht. Die Hitze macht uns zusätzlich zu schaffen und als wir nachmittags den Fuß des Passes vor Issil (der nächsten Versorgungsmöglichkeit) erreichen, haben wir gerade noch 2,5 Liter Wasser...

   

Jetzt legt die Piste aber erst richtig los, windet sich steil den Berg hinauf und ist in weiten Teilen nichts anderes als eine Geröllhalde, über die es nun 800 Höhenmeter hochzuschieben gilt. Schnell wird klar, dass wir es heute nicht mehr über den Pass schaffen, also heißt es Wasser sparen, was uns nicht leicht fällt. Aus einem vom Regen übrig gebliebenen grünlichen Tümpel füllen wir uns sicherheitshalber mal Wasser ab... Als es dämmert fehlen uns noch 150 Höhenmeter zum Pass, 1 Liter Wasser ist jetzt noch übrig. Noch nie zuvor hab ich mich so verkalkuliert, ärgerlich. Die Piste bietet keinerlei Möglichkeit das Zelt aufzubauen, stattdessen legen wir uns mit unseren Matten auf kleine Plateaus in der Felswand und nennen das Ganze die "Nacht auf dem Affenfelsen". Nach einem spartanischen Abendessen zählen wir noch einige Sternschnuppen, fantastisch wie immer auch die hell leuchtende Milchstraße.

 





6. Tag -> Agdz (57 Km und einige mit dem Taxi, Schnitt 17 km/h)

Das Frühstück ist heute eher dürftig, für jeden ein halbes Brot, Kaffee kochen ist nicht mehr drin, auch ansonsten sind unsere Vorräte aufgebraucht. Immerhin - al hamdulilah! - in Passnähe wird die Piste wieder befahrbar. Am Pass selbst eröffnet sich eine grandiose Aussicht auf die Ebene vor Tazenakht, die zumindest kurz die zurückliegenden Entbehrungen nichtig erscheinen lässt.

 

Nach der kurzen Abfahrt irren wir auf der Suche nach Wasser durch das urige Gassengewirr von Issil. Gerade ist eine Kuh ausgebrochen und springt nun wild zwischen den Lehmhäusern umher. Stefan schaltet schnell, springt vom Rad, jagt ihr hinterher und bekommt sie am Hals zu fassen. Sie reißt sich nochmal von ihm los, wenig später ist ihre Flucht jedoch endgültig beendet. Es folgt das Unvermeidliche, wir werden zum Tee eingeladen, diesmal ungewöhnlicherweise von einem kleinen Mädchen. Der Hausherr ist aber auch bald zur Stelle und für die Fremden wird sogleich wieder nur das Beste aufgetischt: Neben Tee noch frischgebackenes Brot, zerlassene Butter, Olivenöl, Omelett, Datteln und frische Milch, bei der wir nicht sicher sind ob sie von Kuh oder Ziege stammt. Die Atmosphäre ist lustig, unser Gastgeber scheint gar nicht so richtig zu realisieren, dass wir kein Arabisch können und plappert in einem fort auf uns ein. Seine Tochter Zahra, die etwa so gut wie ich französisch spricht, macht sich über ihn lustig, übt sich in Konversation und zeigt uns stolz wie Oskar ihr Abschlusszeugnis aus der Grundschule. Stefan und ich fühlen uns pudelwohl, könnten ewig hier ausharren, brechen aber auf als der Vater uns klar macht, dass er noch arbeiten muss. Als wir das Haus verlassen werden wir vor der Tür schon von etwa 30 Kindern und Frauen neugierig erwartet, hat sich also wie immer schnell rumgesprochen dass Touristen da sind...

Nach Issil ist die Piste sehr gut befahrbar und wir kurbeln die verbliebenen 40 Km bis Tazenakht flott herunter. Dort angekommen ordern wir erstmal Kefta und überlegen uns in Ruhe, wie die Tour weitergehen soll. Die Schneeverhältnisse sprechen zwar ein bisschen gegen den Hohen Atlas, aber wir sind der Steinwüste etwas überdrüssig und entscheiden uns daher, von nun an Kurs auf die Berge zu nehmen. Nächstes Ziel ist damit Agdz! Die eher langweilige Straße dahin bin ich schon zweimal gefahren, für Piste haben wir gerade keine Energie mehr, also springen wir kurzentschlossen nach dem Essen in ein Taxi. 300 Dh kostet die Höllenfahrt, die wir entgegen allen Naturgesetzen überleben - um 16 Uhr setzt uns der Schumacher-Verschnitt am Ortseingang von Agdz ab. Wir brauchen einen Ruhetag und wählen dafür mit dem Hotel Kissane die beste bzw. vielmehr die teuerste Unterkunft vor Ort.

 



Der Ruhetag besteht unter anderem aus Oasenspaziergängen, einem Souk- und einem Coiffeur-Besuch, vor allem aber nutzen wir das Gratis-Billard-Angebot unseres Hotels.



8. Tag -> Sarhro-Gebirge (55 Km, Schnitt 11 km/h)

Beim Bezahlen des Hotels fällt mir ein ungewöhnlich hoher Posten auf der Rechnung auf, woraufhin der Chef meint, dies sei fürs Frühstück. Kurze Rechnung ergibt, dass wir demnach 13 Frühstücke bezahlen würden. Schwacher und undurchdachter Versuch, das Trinkgeld zudem verzockt... Wir düsen das Draa-Tal hinab und kehren an der Kreuzung in Tansikht in dem fantastischen Restaurant ein, wo ich schon drei Jahre zuvor mit Till versackt war. Auch diesmal wird es eine sehr ausgiebige Pause, von dem paradiesischen Garten kann man sich schlecht losreißen.

 

In brütender Mittagshitze steigen wir in die wenig bekannte Sarhro-Piste in Richtung El-Kelaa M'gouna ein, ich bin gespannt was uns hier wieder erwartet. Von nun an geht es den Rest des Tages nur noch bergauf. Zunächst folgen wir einem Oued, das sogar noch Wasser führt und etwa ein Dutzend Male gequert werden muss. Bei den letzten Querungen versuche ich es brachial mit Schwung, bekomme einmal prompt nasse Füsse...

Irgendwann verlassen wir das Tal und fahren auf sandiger, teils schwerer Piste steil hinauf in eine Sarhro-typische Mondlandschaft. Wir folgen schließlich einer Art Kammweg, links und rechts von uns liegen tiefe Schluchten, die Fernsicht in Richtung Draa-Tal ist grandios. Auf 1750 Metern Höhe entdecken wir den seit einiger Zeit ersten möglichen Zeltplatz und schlagen erschöpft wie wir sind prompt zu. Zu Abend gibt's Hühnersuppe mit Nudeln, dazu Sterne satt.

     



9. Tag -> El-Kelaa M'gouna (81 Km, Schnitt 11 km/h)

Nachts wird es unerwartet stürmisch, das schlecht abgespannte Zelt biegt sich und flattert wild, wir schlafen unruhig. Als die Sonne aufgeht legt sich der Wind aber glücklicherweise. Früh am Morgen erreichen wir eine Art Hochplateau, auf den nächsten 30 Km pendelt die Piste ständig zwischen 1800 und 2100 Metern Höhe auf und ab. Das Radeln macht Spaß hier oben, nach furiosem Beginn wird die Landschaft aber leider zunehmend öder und langweiliger.

   

Auf unseren GPS-Displays lacht uns ein Wegpunkt namens "Gites 4" an, den ich vor der Tour von Ralf aus dem marokko-per-rad.de Forum zugespielt bekommen habe. Wir glauben nicht wirklich daran, dass in dieser menschenleeren Gegend eine Gites d'Étape sein könnte, freuen uns dann aber natürlich umso mehr, als sie tatsächlich auftaucht. Wir bekommen eine riesige Kanne Tee und das bisher beste Berberomelett der Tour, einfach perfekt!

Kurz danach beginnt der lange Abstieg in Richtung El-Kelaa M'gouna, gerade rechtzeitig bessert sich der Zustand der Piste erheblich. Auch die Szenerie gewinnt wieder an Reiz, viel Vulkangestein bildet tolle Kontraste zu den gelben Blütenmeeren - die Abfahrt ist ein rauschendes Fest! In El-Kelaa M'gouna steuern wir wieder einen Wegpunkt von Ralf an, diesmal treffen wir mit dem Hotel Aflafal auf genau die Art von Unterkunft, die wir jetzt brauchen: günstig, sauber, mit nettem angeschlossenen Café - Shukran, Ralf!

 

Wir legen wieder einen Ruhetag ein um anschließend fit in den Hohen Atlas starten zu können. Ironischerweise "verletze" ich mich ausgerechnet am Pausentag, klemme mir beim Billard den Daumen in der Bezahlmaschine ein und hole mir so einen prächtigen Bluterguss unterm Nagel...



11. Tag -> Msemrir (96 Km, Schnitt 17 km/h)

Endlich hinein in den Hohen Atlas!! Zunächst folgen wir dem Rosental, von dem man wie erwartet von der Straße aus nicht viel sieht. Ich erwarte die Überquerung eines kleinen Passes vor Bou Thrarar, doch stattdessen folgt die Straße stur dem Fluss - umso besser, so sparen wir Kräfte. Nach dem kurzen, angenehmen Pistenstück hinter Bou Thrarar erreichen wir die mir schon bekannte Dadesschlucht. Ich bin allerdings kaum weniger begeistert als bei meinem ersten Aufenthalt hier, die Schlucht ist einfach traumhaft schön! Wir passieren die bekannten Attraktionen wie die Kasbah Ait-Arbi und die "Gehirnfelsen". Beim Fotografieren von Letztgenanntem rutscht Stefan weg und landet mit dem Hosenboden genau in einem Dornenbusch. Es folgt Gejaule und langwieriges Entfernen der Dornen, ich kann nicht anders als ihn auszulachen.

 

Später essen wir ein fürstliches Menü in der Auberge Tissadrine, wo ich drei Jahre zuvor mit Till übernachtet hatte. Danach geht's die berühmten Serpentinen hoch, von den Wohnmobilisten wahlweise angefeuert (danke, das freut uns!) oder verständnislos angestarrt (danke, das finden wir lustig!). Wir haben gute Beine und hängen sogar einen LKW ab, der sich unter ohrenbetäubendem Motorengeheul hinauf kämpft. Danach passieren wir die Engstelle der Schlucht, leider dieses Mal kaum Wasser auf der Straße, wie langweilig. Später dann die Aussicht auf den in einem Canyon mäandernden Dades kurz vor Msemrir, wundervoll!



 

Msemrir selbst schließlich, Julius' weise Warnung vor diesem "elendigen Kaff" im Ohr, in der Tat ist's hässlich und unangenehm. Schnell rein in eine Absteige, oho - die Dusche wird sogar fast heiß. Zum Abendessen noch eine Tajine, alles bestens. Obwohl ich heute fast 80% der Strecke bereits kannte war es dennoch die bisher schönste Etappe der Tour!



12. Tag -> Agoudal (67 Km, Schnitt 11 km/h)

Am Morgen verlassen wir Msemrir auf guter Piste in Richtung Tizi-n-Ouano. Wir folgen einem weiten Tal und passieren mehrere, größtenteils ziemlich hässliche Siedlungen. Viele der Kinder hier sind echte Blagen, es wird aggressiv gebettelt und gelegentlich auch mal an den Packtaschen gezerrt. Ich bin froh hier nicht alleine unterwegs zu sein, so kann man sich wenigstens zusammen über die Nervensägen lustig machen. Hier mal die meines Erachtens beste Taktik für Steine werfende Kinder: Sobald der Stein fliegt eine Vollbremsung einleiten, das Rad auf den Boden werfen und dem Bengel wie wild hinterherrennen (um dann nach einigen Metern laut fluchend die Verfolgung abzubrechen). So bekommt der Sünder einen Schock, den er so schnell nicht wieder vergisst, und man selbst fühlt sich als Sieger und kann über die an sich unschöne Szene letztendlich lachen. Stefan und ich verfahren jedes Mal so, wer weiß, wie viele Kinder in Zukunft vom Steinwurf Abstand halten...

Das Tal wird schließlich enger, eine einfache Furt ist zu bewältigen, dann beginnt der eigentliche Aufstieg zum Tizi-n-Ouano. Gestärkt durch köstliche Piri-Piri Ölmakrelen schrauben wir uns relativ problemlos auf immer noch guter Piste den Pass hinauf. Leider ist die Sicht durch den stürmischen Wind extrem eingeschränkt, nur selten kann man die uns umgebenden schneebedeckten Riesen durch den in der Luft liegenden Staubschleier erahnen. Eine große Eselkarawane kommt uns entgegen, etwa 25 Tiere und ebenso viele Frauen, von denen jede Einzelne von uns Essen und/oder Trinken haben möchte. Viel können wir aber natürlich nicht entbehren... Nachdem wir stundenlang keine Autos mehr gesichtet haben kommen wir kurz vorm Pass plötzlich in eine Art Stau: Ein Konvoi von etwa 10 Jeeps und einigen Cross-Maschinen hat Probleme, kann die für uns harmlosen Schneebretter hier oben nicht passieren. Ein Jeep hängt sogar bereits leicht bedrohlich schräg am Hang. Es handelt sich größtenteils um Russen, einige sind sehr nett, andere offensichtlich davon angepisst, dass wir problemlos durchkommen während sie wahrscheinlich noch einige Stunden lang Schnee schippen müssen. Eine gewisse Schadenfreude können wir natürlich auch nicht verbergen...

 

Kurz danach der Pass, 2913 Meter Höhe zeigt mein GPS, so hoch war ich noch nie zuvor mit dem Rad. Dafür allerdings seltsam unspektakulär der Pass... Die Abfahrt hat es dann aber in sich, hier am Nordhang ist es noch extrem matschig, auch Schnee ist hier noch deutlich mehr als in der Auffahrt. Die Matschklumpen fliegen mir ins Gesicht (keine Schutzbleche) während Stefans Räder alle paar hundert Meter blockieren (Schutzbleche). Wir kommen quasi gar nicht mehr voran, es bleibt letztendlich keine Wahl: Die Schutzbleche müssen abmontiert werden, eine zeitraubende Angelegenheit. Danach rollt es etwas besser, jetzt noch ein paar harmlose Furten, bei denen wir uns beide nasse Füsse holen, weil wir zu faul zum Absteigen sind.

   

Danach die Einfahrt nach Agoudal, wieder extrem ätzende Kids, ein Bengel schießt mit der Steinschleuder auf Stefan! Schnell rein in eine etwas abgelegene Auberge und einmal tief durchatmen. Doch noch ist dieser irre Tag nicht fertig mit uns, kurz vorm Einschlafen entdeckt Stefan einen Skorpion an der Wand unseres Hotelzimmers! Armes Tier, es muss den Löffel abgeben, damit wir ruhig schlafen können... :-(

   



13. Tag -> Imilchil (35 Km, Schnitt 21 km/h)

Wir sind ziemlich ausgelaugt, daher steht heute nicht mehr als ein bisschen "Sonntagsradeln" auf dem Programm. Gemütlich kullern wir das idyllische Melloultal nach Imilchil hinunter. Die sagenumwobene "piste des cols", die wir in Bouzmou steil den Berg hinauf führen sehen, fällt flach, denn auf noch mehr Schnee und Matsch haben wir definitiv keine Lust. In Imilchil finden wir mit der Auberge Todra eine tolle Unterkunft: Der Inhaber arbeitet auch als Bergführer, kann uns zu sämtlichen uns interessierenden Pisten Auskunft geben. Ich lasse mir noch den Bart scheren, ansonsten hängen wir den Rest des Tages rum.

   



14. Tag -> zw. Tarssout und Tassreft (43 Km, Schnitt 10 km/h)

Einigermaßen erholt passieren wir morgens um 9 Uhr den Lac Tislit. Nach einem kleinen Pass folgt eine tolle Abfahrt bis zum Abzweig nach Anergui. Direkt am Einstieg in die Piste ist ein Oued zu queren, für Fahrzeuge ist hier bereits Endstation. Wir haben Spaß, ich werfe die Taschen über das rauschende Wasser hinweg, Stefan fängt sie drüben auf. Spektakulär ist - wie so oft in Marokko - der abrupte Wechsel der Landschaftsform: Eben noch nichts als Geröll, sorgt nun üppige Bewaldung für mediterranes Flair. Die Piste könnte in einem guten Zustand sein, ja wenn sie nur nicht von den Niederschlägen dieses Winters an unzähligen Stellen komplett zerschossen worden wäre.

   

Auf einer Art Hochebene versinken wir im Folgenden im Schlamm, Piste und Oued sind hier ein und dasselbe. Wir kommen kaum vorwärts und kochen uns erstmal Reis zur Stärkung. Etwas später häufen sich die Warnungen vorbeiziehender Eselreiter, ein unpassierbares Oued soll bald folgen. Oje, das hat uns jetzt gerade noch gefehlt...





Und in der Tat, wir treffen auf eine enge Schlucht, durch die ein etwa 80 cm tiefes schnelles Oued rauscht. Absolut grenzwertig, zumal mit den Rädern. Uns kommen drei Mulireiter entgegen, sie blicken skeptisch auf die Räder - "impossible", keine Chance meinen sie. Als ich daraufhin mit einem 100-Dirham-Schein winke ändern sich die Vorzeichen schlagartig, sie springen aus dem Sattel und sind nun bereit uns zu befördern. Allerdings wollen sie das Doppelte. Es beginnt ein zähes Verhandeln, ich bestehe auf meinem letzten Angebot, 150 Dirham, 50 für jeden von ihnen. Sie winken ab und steigen wieder in den Sattel, na gut, ich stecke das Geld wieder ein. Diese Pokerrunde geht an mich, sie steigen wieder ab, dann doch lieber 150 Dirham, Handschlag drauf, los geht der wilde Ritt. Alles rauf auf die Mulis, dreimal muss der Fluss gequert werden, warum hat dieses Tier bloß keine Haltegriffe?! Doch wir kommen heil hinüber, al hamdulilah, was für eine lustige Begebenheit...

 

Die Landschaft ist im Folgenden paradiesisch, große Schneewände an den Bergen, blühende Mandelbäume, leuchtend grüne Wiesen, dazu das rauschende Oued - einfach herrlich! Leider macht nun Stefans Freilauf Probleme, er scheint endgültig ausgeleiert, erste Anzeichen gab es schon vor Tagen. Die steilen Stücke - von denen es hier leider sehr viele gibt - schieben wir daher gezwungenermaßen. Wir passieren den widerlichen Ort Tarssout, selten zuvor ist uns soviel Feindseligkeit wie hier entgegengeschlagen. Besonders unangenehm sind drei Jugendliche, die an einem im Oued steckengebliebenen Laster arbeiten. Einer mit schiefen Mundwinkeln fordert mich giftig gleich mehrere Male dazu auf, wir sollen bei ihm übernachten - nein danke, lieber schnell weg hier. Bald darauf steuern wir einen idyllischen Zeltplatz am Oued an, um noch Zeit für Reparaturen zu haben. Am Freilauf ist aber nix zu machen, hoffentlich hält er bis Marrakesh! Noch schnell ein paar Nudeln gekocht und ab in den Schlafsack, Wahnsinn wie schnell es hier oben nachts auskühlt.

 



15. Tag -> Tassreft (5 Km, Schnitt ?)

Um 6 Uhr krabbele ich aus dem Zelt, will Kaffee kochen. Das Feuerzeug sei in der Lowrider-Tasche bei seinem Fahrrad meint Stefan. Aber wo ist das Fahrrad? "Verarsch mich jetzt nicht", erwidert Stefan aus dem Zelt heraus, doch leider tue ich das nicht, das RAD IST WEG!!! Und mit ihm eine Lowrider-Tasche. Beides stand direkt neben dem Zelt, wegen dem rauschenden Oued haben wir aber nichts gehört. Wir sind völlig geschockt, Stefan springt aus dem Zelt, durchsucht erstmal seine anderen Taschen: Glück im Unglück, alle Wertsachen sind noch da. Aber was nun? Wir entscheiden schnell, wollen keine Zeit verlieren: Stefan soll schonmal alles zusammenpacken, während ich ins nächste Dorf (Tassreft) fahre, um dort ordentlich Alarm zu schlagen. Ich könnte ebensogut nach Tarssout zurückfahren, aber irgendwie erhoffe ich mir von dort nach den Erfahrungen von gestern wenig Hilfe...

Was nun folgt ist kaum in knappe Worte zu fassen. Ich gebe hier einen kurzen Abriss der Geschehnisse, die komplette Story kann bei Interesse hier nachgelesen werden.

In Tassreft schildere ich zwei hilfsbereiten Bewohnern die Situation, woraufhin sie viele Telefonate mit den zuständigen Autoritäten der Region führen. Wir frühstücken zusammen und fahren danach mit dem einzigen verfügbaren Auto Richtung Tarssout. Kurz nachdem wir Stefan unterwegs eingeladen haben bleibt der Pickup in einem Schlammloch stecken. Mit zehn Mann brauchen wir geschlagene zwei Stunden um den Wagen auszugraben. Danach will der Fahrer nicht mehr weiter fahren, also geht's erstmal wieder zurück nach Tassreft. Dort ist inzwischen die Hölle los, der Provinzchef der Region ("l'Autorité") ist jetzt da, auch der Dorfchef aus Tarssout ("le Shir"), dazu knapp 200 Leute, die sich in der Dorfmitte versammelt haben und aufgebracht über unseren Fall diskutieren. Bevor wirklich was passiert werden wir allerdings zum Mittag essen gebeten.

Schließlich fahren wir mit dem Range Rover von l'Autorité nach Tarssout. Dort passiert aber auch erst mal wenig, wir werden zum Tee gebeten. Le Shir legt sich auf's Ohr, Stefan und ich werden langsam ungeduldig. Dann gibt's noch mal Essen, danach wird's endlich ernst: L'Autorité geht mit uns in die Dorfmitte und die komplette männliche Dorfbevölkerung wird zusammengetrommelt. Nach einer feurigen Ansprache von l'Autorité sollen wir die Jugendlichen identifizieren, die uns am Vorabend so blöd angemacht haben. Wir sprechen unsere Verdächtigungen aus, was für große Hektik, Geschrei und Handgreiflichkeiten unter den Bewohnern sorgt. Welch ein Spektakel!

So richtig voran geht's aber leider nicht, es wird stundenlang geredet und wir bekommen wieder einmal Tee. L'Autorité wirkt ratlos, will von uns wissen was wir nun zu tun gedenken. Wir machen Druck, behaupten, dass wir notfalls bis zu einer Woche hier in der Region nach dem Fahrrad suchen wollen. Daraufhin fährt er mit seinem Range Rover umliegende Dörfer ab, was allerdings keine Neuigkeiten bringt. Aus heiterem Himmel bricht irgendwann wieder Chaos unter den Bewohnern von Tarssout aus, wieder raufen sich die Leute, einer der Verdächtigten schreit unentwegt, dass Allah das Fahrrad geklaut habe. Die Stimmung ist äußerst feindselig uns gegenüber und ich bin heilfroh, als wir im Range Rover von l'Autorité das Dorf verlassen.

Unterwegs die erlösende Nachricht: Das Rad wurde gefunden! Und zwar von einem Fährtenleser, der am Zeltplatz die Spur aufgenommen hat! Das Rad war etwa einen Kilometer entfernt von dem Zeltplatz am Berghang versteckt. Wir sind natürlich happy und die Tasche, die nicht wieder auftaucht, ist uns herzlich egal. Als wir nach Tassreft zurückkehren jubelt das ganze Dorf mit uns. Es wird ein vergnüglicher Abend an dessen Ende wir bei einem der Dorfbewohner auf den Wohnzimmerteppichen nächtigen. Ein absolut unglaublicher Tag mit - al hamdulilah - tollem happy end!



16. Tag -> Bin el Ouidane (98 km, Schnitt 16 km/h)

Um 6 Uhr in der Früh verabschieden wir uns herzlich von Gastgeber Hassan und brechen auf. L'Autorité hatte uns gewarnt: Heute ist Souk in Tassreft und da werden die "Verrückten" (seine Wortwahl) aus Tarssout natürlich auch kommen. Eine erneute Konfrontation sollen wir unbedingt vermeiden. Wir erreichen zum Sonnenaufgang einen namenlosen Pass auf immerhin 2555 Metern Höhe. Inzwischen ist die Strecke asphaltiert, etwas früher als ich gedacht hatte. Jetzt geht's raus aus dem Hohen Atlas, bis zum Ort Toufelazt verlieren wir 1400 Höhenmeter auf einer tollen Abfahrt. Stefan sagt zwar noch, dass er mit der einzelnen Lowrider-Tasche lieber nicht so rasen möchte, stellt dann mit 71 km/h aber den Geschwindigkeitsrekord der Tour auf. Die Landschaft ist jetzt wieder bewaldet und sehr grün, insgesamt aber absolut unspektakulär.

 

Bei 32°C Lufttemperatur ist nun noch ein weiterer Pass zu bewältigen, noch mal geht es 600 Höhenmeter hinauf - uff! In Ouiazazarth essen wir eine Tajine, danach folgen wir dem Ouidane-Stausee. Wir sehen Schnellboote, Jetskis, Porsche Cayennes - hier machen die reichen Marokkaner Urlaub. Welch ein krasser Kontrast zu der Lebensweise in den Bergen! Wir erhoffen uns ein schönes Hotel in Bin el Ouidane, doch was ist das bloß für ein Ort?? Eine lose Ansammlung von Ferienhäusern und Luxushotels, fürchterlich. Zum Glück finden wir wenigstens eine Gites d'Étapes.

   

Letztendlich gefällt es uns in der Gites sogar so gut, dass wir uns einen weiteren Ruhetag gönnen, an dem wir nichts machen außer im Stausee zu baden und den Rest des Tages Bauernskat zu spielen.



18. Tag -> Demnate (95 Km, Schnitt 17 km/h)

Achmed, der Besitzer der Gites, empfiehlt uns eine Nebenstrecke nach Azilal, die sich in der Tat als Glücksbegriff entpuppt: Auf den ersten 15 Kilometern des Tages begegnet uns nicht ein einziges Auto, während wir auf der Hauptroute auf der gegenüberliegenden Seite des Tals massenhaft Verkehr sehen. Es geht stur bergauf, weite Serpentinen führen uns 700 Höhenmeter hinauf zum letzten kleinen Pass dieser Tour. Danach ist die Strecke sehr langweilig und wir haben Gegenwind, weswegen wir oft Pausen machen: Zunächst bei Omelett in einem Café in Azilal, später Billard, dazu etliche Cola-Stopps. Die Ouzoud-Fälle lassen wir einfach links (bzw. in diesem Fall rechts) liegen, wir haben heute schlicht keinen Nerv für eine Touristenfalle. Highlight des Tages ist das Hotel Atlas in Demnate abends, wieder einmal waren wir einem Wegpunkt von Ralf gefolgt.

 



19. Tag -> Marrakesh (106 Km, Schnitt 27 km/h)

Stefan ist stark erkältet und lutscht daher heute bevorzugt an meinem Hinterrad, während ich, gewissermaßen einer alten Gewohnheit folgend, am letzten Tag noch mal richtig Tempo bolze und voll am Limit fahre. So am Ende der Reise muss man sich schließlich noch mal so richtig kaputt machen... Als wir in Sidi Rahal Tee trinken kommen wir mit dem Studenten Bada ins Gespräch. Zufälligerweise arbeitet er in den Ferien im Hotel Afriquia in Marrakesch, genau dort wollten wir sowieso hin! Er reserviert gleich per Telefon ein Zimmer für uns, sehr praktisch.



Kurz vor Marrakesh droht der Hungerast, spontan halten wir bei einem 3-Sterne-Hotel und hauen uns noch eine Pizza rein. Danach die wuselige Einfahrt in die Stadt, wie immer ein Heidenspaß. Rauf auf den Djemaa-el-Fna, was für ein Lärm, dann doch lieber schnell ins Hotel - geschafft! Am Ende der Reise bleiben uns noch fast zwei komplette Tage für die tolle Stadt. Ich bin bereits zum vierten Mal hier, aber da ich sonst im Prinzip immer alleine war ist es jetzt doch noch mal besonders schön.



     

   

Der Rückflug schließlich verläuft problemlos, na ja, die Dame am Ryanair-Schalter stänkert natürlich wie immer wegen den Rädern rum (beruhigt sich aber ganz schnell als ich ihren Chef zu sprechen verlange). Kurz nach Mitternacht landen wir in Düsseldorf-Weeze, schmeißen die Räder in einen angemieteten Kombi und düsen nach Hannover. Um vier Uhr in der Früh schleiche ich mich zu Andrea in die Wohnung, nach all den Erlebnissen auf dieser Tour kann ich kaum glauben, dass ich ohne größere Verluste heil wieder nach Hause gekommen bin.



Fazit:

Um es kurz zu machen: Keine der anderen Marokkotouren habe ich so sehr genossen wie diese. Insbesondere bezüglich des Erlebnisgehaltes kann nicht eine der vier anderen Touren mit dieser letzten konkurrieren. Und auch soviel Spaß wie heuer hatte ich selten zuvor auf einer Radtour. (Das Fazit wäre sicher nicht so positiv ausgefallen, wenn das geklaute Rad nicht wieder aufgetaucht wäre. So war diese Episode aber letztendlich sogar das i-Tüpfelchen auf eine perfekte Radreise.)

Trotzdem habe ich dieses Jahr zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass für mich persönlich der Reiz Marokkos langsam aber sicher verblasst. Die Landschaftsformen bergen kaum noch Überraschungen, die Einladungen folgen immer demselben Muster, es kommt mir einfach alles nicht mehr richtig fremd vor. Daher werde ich mir - Inchallah! - in den nächsten Jahren wahrscheinlich andere Ziele suchen, Ideen habe ich genug (Nahost, Rumänien, Albanien, ...). Zumindest nächstes Jahr steht Marokko bzw. stehen größere Radreisen generell mal nicht auf dem Programm, andere Dinge haben jetzt erst einmal Vorrang.